Bauhaus-Universität Weimar

8 J. Pawlow, Allgemeine Technik der physiologischen Versuche u. Vivisektionen. 
eine beiläufige, rein äußerliche Bedingung sich für das Grundresultat des 
gegebenen Versuchs als ausschlaggebend erweist. 
Beim physiologischen Forschen kann man sich, allgemein gesagt, nicht 
mit einer geringen Anzahl von Versuchen begnügen. Wie oft ändert sich 
das Resultat des Versuchs schroff von einem Versuch zum andern, bis der 
Untersucher des Gegenstands, d. h. aller Bedingungen der gegebenen Er¬ 
scheinung habhaft wird. Große Enttäuschungen erwarten den unerfahrenen 
Experimentator, wenn er irgendwas kategorisch auf Grund einer oder 
zweier Versuche behaupten wird. Andererseits werden sogar alte Experi¬ 
mentatoren durchs Nichtgelingen eines augenscheinlich unumgänglichen Re¬ 
sultats nicht selten zur Verzweiflung gebracht — und dieses kommt von der 
Einmischung der geringsten Bedingungen. Und die Überzeugung von der 
Macht dieser geringsten Versuchsbedingungen macht es, daß viele Autoren 
nicht mit einem Worte derjenigen ihrer Arbeiten erwähnen, in denen sie 
zu negativen Resultaten gekommen sind. Die Summe derjenigen Bedin¬ 
gungen, welche das physiologische Resultat bestimmen, ist oft unbestimmt 
und so groß, daß nur lange Reihen von Versuchen eine genügende Garantie 
für den steten Zusammenhang zwischen den untersuchten Erscheinungen bieten. 
Aber noch mehr als das Wiederholen ein und desselben Versuchs dient 
das Variieren des Versuchs, die Veränderung der Versuchsform zur Fest¬ 
stellung des wahren Zusammenhangs zwischen den Erscheinungen. Nur 
wenn man zwei Erscheinungen unter ■ verschiedenen Umständen produziert 
hat, kann man schließlich die Überzeugung gewinnen, daß diese Erschei¬ 
nungen wirklich in kausalem Zusammenhang stehen und nicht von beiläu¬ 
figen, zufällig eine Versuchsanordnung begleitenden Umständen, abhängen. 
Die drei angeführten Regeln bilden eine charakteristische Eigenschaft 
des physiologischen Forschens und unterscheiden es wesentlich vom physi¬ 
kalischen Forschen. Daß das rein physikalische Experimentieren nach rein 
physikalischen Methoden in der Physiologie nicht selten mißlingt, ist in der 
Geschichte der Physiologie kein seltener Fall. 
Was die genauere Technik des Operierens an lebenden Tieren anbe¬ 
trifft, so teilen sich natürlich alle Operationen in dieser Hinsicht in zwei 
Gruppen: die Operationen ex tempore, wo das Tier sofort nach der Ope¬ 
ration zum Versuche und zu den Beobachtungen dient, und Operationen, in 
denen sich das Tier vor allem von den verschiedenen Folgen der Verwun¬ 
dung vollkommen erholen muß und erst Tage, Wochen oder sogar Monate 
danach das Objekt einer Untersuchung sein kann. Für die ersten behalte 
ich den Namen „Vivisektionen“ bei und die zweite werde ich „chirurgische 
Operationen“ nennen. Diese Einteilung der Operationen wird durch den 
wesentlichen Unterschied in den Einrichtungen und in den Vorbereitungen, 
welche jede von diesen Operationsgruppen verlangt, vollkommen gerechtfertigt. 
II. Vivisektionen. 
Die Vivisektion, als ältere Operationsmethode muß, wenn man aus ihr 
die Methode der völligen Isolation von Organen ausschließt, als eine mehr 
oder weniger' fertig ausgearbeitete, vollkommene Methode betrachtet werden.
        

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