Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Alfred J. Ritter v.Dutczynski: Beurteilung und Begriffsbildung der Zeitintervalle in Sprache, Vers und Musik, Psycho-philosoph. Studie vom Standpunkt der Psychologie. Leipzig, Schulze 1894
Person:
Meumann, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15589/1/
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Litteraturbericht. 
einer Rechtfertigung seiner Theorie der Harmonie und Disharmonie. 
Nicht ganz gerecht wird er, wie uns scheint, der STUMPFSchen Annahme 
eines „räumlichen Grundkapitals“ bei der Gehörslokalisation. Die Fähig¬ 
keit, die Eindrücke des rechten von denen des linken Ohres zu scheiden, 
mufs allerdings als eine ursprüngliche, nicht erst durch Assoziationen 
vermittelte angesehen werden, so schwer es bei dem jetzigen Stande 
unseres Wissens auch sein mag, darüber verständliche und sichere Aus¬ 
sagen zu machen. Zum Schlufs wendet sich Verfasser noch mit Recht 
gegen Stumpfs Behauptung, dafs ein Zusammenklang als Ganzes die Höhe 
des tiefsten Tones habe, und gegen die Konstruktion der Klangfarbe aus 
den Tonfarben der einzelnen den Klang bildenden Töne. 
O. Külpe (Leipzig). 
Alfred J. Ritter von Dutczynski. Beurteilung und Begriffsbildung der 
Zeitintervalle in Sprache, Vers und Musik. Psycho-philosophische 
Studie vom Standpunkt der Physiologie. Leipzig. Schulze. 1894. 
Der Inhalt der vorliegenden Arbeit ist ein sehr mannigfaltiger. 
Verfasser bietet uns theoretische Erörterungen über Rhythmus in Sprache 
und Musik, über Reim und Alliteration, über Versmafse und metrische 
Prinzipien im allgemeinen, über Einflufs des Sprechens und des An¬ 
hörens von Takten auf Blutumlauf und Atmung, über Naturalismus in 
der Dichtkunst, Erziehung der Sinne; sodann erhalten wir eine längere 
„Abschweifung“ über Begriffsbildung und ein „psychophysikalisches 
Definitionsverfahren“, an das sich „die moderne Philosophie“ „wird halten 
müssen“, „wenn sie nicht wieder zur Sophistik, Dialektik und dergleichen 
Klopffechtereien herabsinken will“ (S. 19); endlich teilt der Verfasser 
einige Experimente über Hörfähigkeit und Blutumlauf mit, um deren 
willen Referent die Arbeit für erwähnenswert hält. Die Sprache des 
Verfassers ist eine ganz absonderliche. Sein Lieblingswort ist das 
schreckliche „diesbezüglich“, er schreibt konsequent „Acceleration“ und 
bildet für „beschleunigen“ das kühne Wort „sich accellieren“ ; er kennt 
eine „Muscula densor tympanii“, ein Foramen spinosus“, eine „Arteria 
temp, superficialis“, einen Singularis „die Intervalle“ u. s. w. und ver¬ 
sichert uns zum Schlufs seiner Schrift: „Wir Deutsche — ich meine 
Österreichisch-Deutsche — vernachläfsigen unsere Sprache in ganz ge¬ 
wissenloser Weise“ (S. 47), wozu er zahlreiche und treffende Argumente 
beigebracht hat. 
Die Geringschätzung, mit der der Verfasser von den Philosophen 
spricht, wird jeder vernünftige Leser entschuldigen, denn wie kann 
man schätzen, wen man nicht kennt? Mit Emphase versichert uns von 
Dutcztnski, „über den Zeitsinn selbst ist aufserordentlich wenig ge¬ 
schrieben worden“ (S. 21), und dabei sindihm von der ganzenZeitsinnlitteratur 
nur Vierordts und Machs Schriften bekannt. Aufserdem versteht der 
Verfasser die wenigen ihm bekannten Experimente vielfach falsch. Er weifs 
nicht, dafs gegen Brückes Versuche, skandierende Sprechbewegungen zu 
registrieren, längst der Einwand gemacht ist, dafs skandierendes Sprechen 
etwas völlig anderes ist als das freie künstlerische Deklamieren, wie es 
dem ästhetischen Eindrücke entspricht, und bei Vierordts Experiment über
        

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