Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
1. R. von Koeber: Jean Pauls Seelenlehre. Schriften der Gesellsch. für psychologische Forschung, Heft 5, S. 517–551, Leipzig, Abel 1893
Person:
Meumann, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15569/1/
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Litteraturbericht. 
physiologischen Äquivalent der psychischen Vorgänge, wird zu Unrecht 
als das einzige hingestellt, das überhaupt die Psychologie zu lösen 
habe ; ein Forschungsobjekt, das, früher vernachlässigt, in den letzten 
Jahren erst die gebührende Beachtung und Untersuchung gefunden hat, 
nämlich die Empfindung, wird unberechtigterweise zum Allerwelts¬ 
prinzip gemacht, das jedem Bewufstseinsakt, heifse er nun Wille oder 
Gefühl, zu Grunde liegen müsse. — Diese Einseitigkeiten und Über¬ 
treibungen sind vorhanden, und es kann nur von Vorteil sein, wenn ein 
Forscher wie Ward auf dieselben aufmerksam macht und sie der Kritik 
unterzieht. Freilich, so allgemein wie er es glaubt, sind jene Erschei¬ 
nungen doch wohl nicht; die Mehrzahl der modernen Psychophysiker 
und Experimentalpsychologen hat wohl Besonnenheit genug, um die 
Schranken ihres Gebiets und ihrer Methodik zu erkennen. W.s Kritik 
gilt, wie mir scheint, insbesondere jenseits des Oceans. 
Allein mit den obengenannten Fehlern ist das Sündenregister der 
„modernen“ Psychologie nach W. noch nicht erschöpft, ja sie werden 
sogar nur beiläufig gestreift, während der Hauptteil der W.schen Aus¬ 
führungen sich um einen anderen Punkt dreht, um die Begriffe des 
„Subjekts“, des „Ich“, des „Selbstbewufstseins“. Der „moderne“ Psycho¬ 
loge wolle das Subjekt objektivieren, das „Ich“ zu einem „Mich“ machen, 
das Bewufstsein in eine Reihe von „Bewufstseinsinhalten“ auflösen. Er 
übersehe, dafs das Selbstbewufstsein nicht ein seelischer Vorgang neben 
vielen anderen sei, sondern das einigende Band zwischen ihnen, die Form 
ihrer Beziehung; er beachte nicht, dafs dasich sichnicht selbst vorstellen 
kann, weil es es selber ist. Sogar Wundt, der ja in der „Apperception“ 
die spontane Thätigkeit des subjektiven Ich postuliere, falle in dem 
Augenblicke dem gleichen Fehler anheim, da er im Gehirn ein besonderes 
Centrum für diese Apperception neben den Centren anderer Seelenvor¬ 
gänge aufzustellen suche. — Nun mag zugegeben werden, dafs die 
neueren Psychologen thatsächlich ziemlich allgemein das Bestreben 
zeigen, die Ichvorstellung, das Selbstbewufstsein u. s. w einer psycholo¬ 
gischen Analyse zu unterziehen und als kommensurabel mit anderen 
Seelenerscheinungen zu betrachten. Die Frage, ob sie hierzu berechtigt 
sind, will ich an dieser Stelle nicht untersuchen, nur auf eines möchte 
ich hinweisen. Derartige Bestrebungen treten wohl auf in der modernen 
Psychologie, aber sie sind nicht ihr allein eigentümlich. Vielmehr sind 
sie seit Hume nicht mehr vom Schauplatze der Forschung verschwunden 
und haben während unseres Jahrhunderts in der Schule Herbarts die 
ausgeprägteste Gestalt angenommen. Mag man daher jenen Versuchen 
je nach dem Standpunkte, den man einnimmt, die Berechtigung zu- oder 
absprechen: ein Charakteristikum speziell der „modernen“ Psychologie 
scheinen sie mir jedenfalls nicht zu sein. W. Stern (Berlin) 
1. R. von Koeber: JEAN PaüLs Seelenlehre. Schriften der Gesellsch. für 
psychologisch Forschung. Heft 5. S. 517—551. Leipzig. Abel. 1893. 
2. Mix Offner: Die Psychologie Charles Bonnets. Ebda. S. 553—722. 
Das fünfte Heft der Schriften der Gesellschaft für psychologische 
Forschung enthält zwei Beiträge zur Geschichte der Psychologie.
        

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