Bauhaus-Universität Weimar

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Zweites Capitel. 
§. If. Formveränderungen und Ortsbewegungen des Herzens. 
Trotz der grossen Regelmässigkeit, mit welcher sämiuiliche Phasen der Herz¬ 
bewegungen ablaufen, und der Leichtigkeit, mit welcher sie sowohl durch Oeff- 
nung der Brusthöhle gesehen als auch durch Anlegen der Hand an die be¬ 
treffende Brustgegend durchgefühlt werden können, —■ gehört eine genaue Zer¬ 
gliederung derselben zu den schwierigeren Aufgaben der physiologischen Technik. 
Dies erhellt am besten aus der grossen Anzahl der zur Erklärung der Form¬ 
veränderungen und der Ortsbewegung des Herzens vorgeschlagenen Theorien, wie 
auch aus der Möglichkeit, dass vor nicht langer Zeit noch die einfachsten Er¬ 
scheinungen dieser Bewegungen, wie z. B. die Richtigkeit der bekannten Reihen¬ 
folge der Vorhofs- und Ventrikelcontractionen, von einigen Seiten angezweifelt 
werden konnten. 
Die Ursache dieser Schwierigkeiten liegt darin, dass die überaus complicirten 
Lage- und Formveränderungen der einzelnen Ilerztheile, theils gleichzeitig, theils 
nacheinander, so schnell ablaufen, dass nur ein sehr geübtes Auge denselben einiger- 
maassen zu folgen im Stande ist. Meistens gelingt es auch, bei der Beobachtung 
dieser Bewegungen sich bis zu einem gewissen Grade zu orientiren, wenn man 
schon vorher möglichst gesondert die einzelnen Erscheinungen zu prüfen Gelegen¬ 
heit hatte. 
Die einfachste Art, die Bewegungen des ganzen Herzens zu beobachten, be¬ 
steht darin, dass man nach Kürschner’s Vorgang die Brusthöhle öffnet und da¬ 
bei die künstliche Respiration unterhält. Um das Thier unbeweglich zu machen, 
ist es selbstverständlich vorzuziehen, es mit Curare zu vergiften, statt (wie er es 
gethan) es durch einen Stich in die Medulla oblongata zu tödten. 
Die am Thiere vorzunehmenden Operationen sind ihrer Reihenfolge nach: 
Blosslegung der Trachea und Einführung der Athmungscanüle, Einspritzung des 
Curare in das centrale Ende der herauspräparirten V. jugularis externa und Her¬ 
stellung der künstlichen Respiration. Sodann schreitet man zur Oeffnung der 
Brusthöhle, die in folgender Weise ausgeführt wird: 
Zuerst trennt man a^^f die bekannte Weise die Haut gerade in der Mittellinie 
der vorderen Brustwand, indem man das Messer mit etwas stärkerem Drucke 
führt, um bis zum Sternum die Gewebe zu trennen. Etwa entstehende Blutungen 
müssen gestillt werden. Sodann macht man einen kleinen, etwa einen Finger¬ 
breiten Schnitt an der Stelle des Sternumfortsatzes und zieht mit einer starken 
Pincette den Processus xyphoides aus der Wunde heraus, um bei der Trennung des 
Sternums in der Mittellinie von ihm geleitet zu werden. Diese Trennung geschieht 
am besten mit der in Fig. 4 Taf. II abgebildeten Seheere, deren kürzerer, am Ende 
abgestumpfter Arm in die Brusthöhle hineingeführt wird. Man trennt nun das 
Sternum in der Mitte durch allmähliches Vorwärtsschieben und Schliessen der 
Seheere vom Fortsatze angefangen, wobei der Zeigefinger und der Daumen an 
beide Seiten des Sternums gelegt werden, um der Seheere voranzugehen und die¬ 
selbe gewissermaassen zu leiten. 
Man muss dabei vermeiden, die Spitze der Seheere nach unten zu richten, sie 
vielmehr immer in einer, dem Sternum parallelen Richtung, führen. Während die 
Brusthöhle geöffnet wird, sistirt oder schwächt man die Lufteinblasungen, um so die
        

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