Bauhaus-Universität Weimar

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Sechstes Capitel. 
des horizontalen Ganges von unten anliegend. Auch durch den hinteren oberen 
Winkel des Kreuzes kann man leicht bis zu den Ampullen dringen. 
Der obere verticale Bogengang (den ich früher wegen Mitverletzung des Klein¬ 
hirns für schwer erreichbar erklärt habe, weil die hintere Wand seines knöchernen 
Kanals unmittelbar dem Kleinhirne anliegt) ist, wie ich mich bei grösserer Uebung 
jetzt überzeugt habe, auch leicht zugänglich. Insofern das ihn begleitende Gefäss 
beim Operiren leichter zu vermeiden ist, als das dem horizontalen Kanal anliegende 
Blutgefäss, ist seine Durchtrennung oft sogar leichter, als die des letzteren. Kur 
darf er nicht zu weit nach hinten aufgesucht werden (ein Kehler, den ich früher 
zu begehen pflegte), sondern im oberen hinteren Winkel nahe der sichtbaren Um¬ 
biegungsstelle des kleinen verticalen Bogenganges. 
Sind die knöchernen Gänge so weit blossgelegt, so kann man die weiteren 
Operationen an ihnen mit grosser Reinheit vollführen. Wenn bloss die Folgen der 
reinen Durchschneidungen beobachtet werden sollen, so verfährt man am besten in 
der Weise, dass man mit einer feinen, spitzen, aber gut federnden Pincette den 
knöchernen Kanal vorsichtig an einer Stelle aufmacht. Man darf dabei den Knochen 
nicht mit einem Mal durchbrechen, sondern muss ihn durch leises Schaben immer 
dünner machen, bis ein kleines Loch entsteht. Die Lymphe fliesst aus einer solchen 
Oeffnung nicht aus und kann man bei günstiger Beleuchtung ein Pulsiren dieser 
Flüssigkeit wahrnehmen, das wahrscheinlich durch das in dem membranösen Gang 
verlaufende Blutgefäss bedingt wird (ähnlich wie die an der Cerebrospinalflüssig¬ 
keit sichtbaren Pulsationen). 
In die so gemachte Oeffnung wird mit einer feinen Scheere eingedrungen, 
deren Spitzen in einer Weise von einander entfernt werden, dass sie den gegen¬ 
überliegenden Rändern der Oeffnung anliegen und beim weiteren Eindringen den 
häutigen Kanal zwischen sich erfassen und durchschneiden. 
Auf diese Weise wird die reinste Durchschneidung des Bogengangs erzielt. 
Weniger elegant, aber fast ebenso rein ist es, mit einer feinen Scheere den knö¬ 
chernen mit dem häutigen Kanal gleichzeitig zu durchtrennen. Dies kann ohne 
jede Gefahr von Blutungen geschehen, wenn man den kleinen verticalen Kanal 
unterhalb, und den horizontalen1) vor der Kreuzungsstelle durchtrennt, wo sie 
von keinen Blutgefässen begleitet sind. Werden der grosse (obere) verticale Kanal 
oder die letztgenannten Kanäle an anderen Stellen durchschnitten, so muss man die 
Bewegungen der Scheerenblätter sicher beherrschen, um nicht die Gefässe mit zu 
durchschneiden. 
Man führt zuerst vorsichtig die Spitzen der Scheere um den knöchernen Bo¬ 
gengang bis zur knöchernen Hülle der ihn begleitenden Gefässe vor und drückt 
die Scheere erst zusammen, wenn man sicher ist, das Gefäss nicht mitzunehmen. 
Ist man seiner Hand nicht ganz sicher, so muss man eine kleine an sich 
übrigens ganz unschuldige Zerrung des häutigen Bogenganges nicht scheuen und 
folgendermassen verfahren. Nachdem auf die oben beschriebene Weise eine kleine 
Oeffnung in den knöchernen Bogengang gebohrt ist, erweitert man sie ein wenig, 
indem man mit der Pincette kleine Stückchen Knochen an den Rändern abbricht, 
1) Nicht selten wird der horizontale Bogengang auch eine kleine Strecke vor der 
Kreuzungsstelle noch von einem Blutgefässe begleitet.
        

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