Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Wahrnehmung von Bewegungen vermittelst des Auges
Person:
Stern, L. William
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15560/37/
Sie Wahrnehmung von Bewegungen vermittelst des Auges. 
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ist jene „Übergangsempfindung“ sogar bei Augen denkbar, für 
die eine Raumanschauung des Gesichtsinnes nicht existiert, 
ebenso wie in dem der Raumanschauung ebenfalls entbehrenden 
Tonsinn das Anklingen eines neuen Tones einen ganz charakte¬ 
ristischen Eindruck macht. — Wir können also sagen: Selbst 
bei Individuen mit überaus unvollkommenen Augen vermögen 
Ortsbewegungen, die sich in der Aufsenwelt vollziehen, einen 
besonderen Empfindungsakt auszulösen, ja dieser Empfindungsakt 
wird eine um so wichtigere Rolle spielen, je primitiver das 
Auge des Individuums ist; denn er kann noch wirksam sein bei 
Augen, die weder Simultanunterschiede, noch ein räumliches 
Nebeneinander optisch aufzufassen vermögen. So ist es kein 
Widerspruch, wenn Exnkr 1 behauptet, dafs das Insektenauge 
wenig geeignet sei zur Auffassung einer Raumordnung, wohl 
aber zu der von Bewegungen. — Ferner: jener Empfindungsakt, 
der durch eine sich ändernde, bezw. neu eintretende Reizung 
erzeugt wird, hat bei niederen Individuen fast stets eine 
motorische Reaktion im Gefolge, die teils auf reflektorischem 
Wege, teils dadurch zu stände kommt, dafs neue Eindrücke 
neue Wirkungen signalisieren, denen man entweder zuzustreben 
oder zu entgehen sucht. Somit erklärt sich die Beobachtung 
Schneiders,1 2 dafs viele Fische und Amphibien nur reagierten, 
wenn draufsen eine Bewegung vollzogen wurde, dagegen nicht 
auf ruhende Eindrücke. — Diese Empfindung braucht darum 
noch nicht eine eigentliche Bewegungsempfindung zu sein 
(d. h. auf eine äufsere Bewegung gedeutet zu werden), ja sie 
kann es sogar nicht sein, falls die Raumauffassung fehlt. Nur 
so viel steht fest, dafs sie einerseits durch Ortsbewegungen 
erzeugt wird, und dafs sie andererseits Wirkungen hat, wie 
bei entwickelten Individuen die Auffassung von Bewegungen, 
nämlich eigene Motionen des Zustrebens und der Flucht. 
§ 39. Welches ist nun aber die Wirksamkeit des Prinzips 
der veränderten Reizung bei Individuen mit entwickelterem 
Auge, insbesondere beim Menschen? Hier gilt es freilich, dafs 
das Auftreten eines neuen Eindruckes an und für sich schon 
fast immer auf eine äufsere Bewegung gedeutet wird. Denn 
da uns das Sehfeld ein Teil des Raumes ist, so bedeutet eine 
anderswerdende, besonders eine neu auftretende Gesichts- 
1 Exner, Wiener Akademie-Berichte, III. Abt. Bd. LXXII. S. 165 ff. (1875). 
* Schneider, Vierteljahrsschrift f. wiss. Philos. II. Bd. S. 388.
        

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