Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Wahrnehmung von Bewegungen vermittelst des Auges
Person:
Stern, L. William
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15560/34/
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L. William Stern. 
Das Bewufstsein, dafs die beiden Örter, an welchen sich 
das Objekt in verschiedenen Augenblicken befindet, nicht 
identisch sind, kann uns auf zwei Wegen vermittelt werden: 
es wird entweder der Gegenstand sich an zwei verschiedenen 
Stellen der Netzhaut abbilden, das wäre die optische 
Phasenvergleichung; oder es wird (wenn das Bild auf 
dieselbe Netzhautstelle fällt) zwei verschiedene Lagen des Aug¬ 
apfels herbeiführen, über die wir uns vermittelst der sogenannten 
Lageempfindungen der Augenmuskeln klar werden : das wäre die 
muskuläre Phasenvergleichung. Nach Goldscheider1 ist 
das letztere Prinzip überhaupt das einzige, durch das uns 
Augenbewegungen zu Vorstellungen äufserer Bewegungs¬ 
vorgänge hinleiten können. 
Auf beide Arten der Phasenwahrnehmung, insbesonders 
auf die muskuläre, kommen wir später noch einmal zurück. 
(§§ 49.3, 52.) 
2. Die Bewegungswahrnehmung als Erzeugnis 
eines Empfindungsmomentes. 
§ 37. Die Wahrnehmung der Bewegung kann sich nun 
aber auch auf einem einzelnen sinnlichen Eindruck auf bauen: 
ein einziger Empfindungsmoment wird infolge 
charakteristischer Eigentümlichkeiten als Wahr¬ 
zeichen einer äufseren Bewegung gedeutet. Dafs dies 
möglich sei, dafs eine Sinneswahrnehmung an sich, ohne mit 
anderen verglichen zu werden, schon den Bewegungscharakter 
besitzen kann, das beweisen die in den §§ 4 und 9 genannten That- 
sachen, das beweisen auch fast alle Bewegungstäuschungen. 
Dennoch halte ich es für falsch, hier von einer Bewegungs¬ 
empfindung zu sprechen. Das Wort ist einerseits zweideutig 
(Mach, Goldscheider, Delabarre etc. bezeichnen ganz andere 
Empfindungen, nämlich die durch Bewegungen des eigenen 
Körpers erzeugten, mit jenem Namen; man müfste, um diesem 
Mangel abzuhelfen, dann Eigenbewegungsempfindungen 
und Aufsenbewegungsempfindungen unterscheiden); 
andererseits kann das Wort, und das ist das bei weitem wichtigere, 
zu Hypostasierungen führen, die ich als berechtigt nicht an¬ 
erkennen kann. Verstände man unter „Bewegungsempfindung“ 
1 G-oldscheider, Zeitsehr. f. klinische Medicin Bd. XY. S. 117.
        

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