Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A. Goldschneider u. R. F. Müller: Zur Physiologie und Pathologie des Lesens. Zeitschr. f. klin. Med. Bd. XXIII, S. 131–167, 1893
Person:
Wallaschek
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15538/4/
lAtter a turberich t. 
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gehender und nachfolgender Laute. Alle Deutschen buchstabieren 
gleich, aber es giebt unzählige Aussprachen, weil wir im Worte nicht 
die ursprünglichen Buchstabenlaute, sondern neue Laute sprechen. Selbst 
Gesamtlaute für ganze Silben kommen vor; man braucht nur das Wort 
,unangenehm* von einem Schwaben aussprechen zu lassen, und man 'wird 
finden, dafs er sich für die ersten vier Buchstaben einen Gesamtlaut 
erfunden hat, den ihm nicht so bald jemand nachmacht. Giebt man ihm 
dieselben Silben im Worte ,unannehmbar*, dann wendet er den Gesamt¬ 
laut nicht mehr an. Wer im Deutschen wirklich alle Buchstaben spräche, 
würde gewifs ein schlechtes und wahrscheinlich oft unverständliches 
Deutsch sprechen. Während wir so einerseits nicht alle Buchstaben¬ 
elemente Sprechen, führen wir andererseits in die Sprache ein neues 
Element ein, das dem Gesamtbilde der Worte oft des ganzen Satzes eine 
eigentümliche Earbe giebt, die sich als selbständiges Element von den 
anderen Elementen gar nicht loslösen läfst: den Tonfall, auf dessen 
verschiedene Bedeutung in primitiven und fortgeschrittenen Sprachen 
einzugehen hier nicht mehr unsere Sache ist. Es soll nur erwähnt 
werden, dafs die Elemente des Wortes oder des Satzes als Ganzes keines¬ 
wegs identisch sind mit den einzelnen isolierten Buchstabenlauten. 
Noch auffallender ist eine ähnliche Thatsache in der Schrift. 
Schreiben wir alle Buchstaben, wenn wir ein Wort, einen Satz schrift¬ 
lich ausdrücken wollen? Wer eine ähnliche Frage schon beim Sprechen 
bejaht, dem wird sie hier vollends als direkter Widerspruch erscheinen, 
•denn Schreiben — so scheint es — besteht ja geradezu in der Andeutung 
-jedes einzelnen Lautelementes durch Schriftzeichen. Und doch braucht 
man nur an die Unterschriften berühmter und unberühmter Männer zu 
denken, um zu sehen, dafs sie sich für den Gesamtnamen auch ein 
Gesamtzeichen erfunden haben, das mit den einzelnen Buchstaben gar 
keine Ähnlichkeit mehr hat. Überdies gebrauchen wir Alle gewisse 
Gesamtzeichen für gewisse Worte als Ganzes ohne Rücksicht auf Buch¬ 
staben, so für Fufs, Grad, Pfund etc. ich sehe dabei ab von den eigent¬ 
lichen Abkürzungen, die ebenso wie das mangelhafte Korrigieren von 
Korrekturbogen durch den Autor, das Lesen von Handschriften, Entziffern 
lückenhafter Inschriften eine beständige praktische Ausübung der Experi¬ 
mente ist, die die Physiologie des Lesens erklären. Ich will nur uoch 
darauf hinweisen, dafs die sogenannten Signale der Stenographie auch 
auf dem Prinzip beruhen, die Zeichen für einzelne Lautelemente durch 
ein Gesamtzeichen für das Wort zu ersetzen. Ja, die ganze Entstehung 
unserer Schrift beruht auf diesem Prinzip. Die Mitteilungen, die ein 
Ardräh (Westafrika) dem anderen schickt, bestehen in mehreren Knoten, 
von denen jeder Gedanken ausdrückt, zu denen wir mehrere Worte, 
selbst Sätze gebrauchen würden. Der weitere Fortschritt in der Schrift, 
-die Bilderschrift, beruht noch immer auf demselben Prinzip, Worte oder 
Gedanken als Ganzes auszudrücken, nicht in Elemente zu zerlegen. 
Doch ich sehe, dafs ich bereits weit aus der Rolle des blofsen 
Berichterstatters und Kritikers gefallen bin, und kann mich auf weitere 
Exkurse nicht mehr einlassen ; immerhin ist meine Weitschweifigkeit ein 
Beweis, dafs die Verfasser es verstanden haben, ein Thema von aktuellem 
Interesse anzuregen. Wallaschek (London).
        

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