Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bourdon: La sensation de plaisir. Rev. Philos. Bd. 36, S. 225–237, Okt. 1893
Person:
Cohn, Jonas
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15537/1/
Litteraturbericht. 
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kreise zurücktreten. Das bezügliche Material ist dann in solcher Fülle 
herbeigeschafft, dafs es dem Geiste leicht erscheint, auf Grund der wahr¬ 
genommenen Umstände und unter Benutzung früherer Analogien das Ein¬ 
treten gewisser Ereignisse, sowie das Aussprechen gewisser Worte und 
Redensarten vorauszusehen. Im Hochgefühl des Beherrschens der Um¬ 
stände suggeriert sich das Subjekt den Gedanken des Yoraussehens, und 
unter dem Einflüsse dieses Gedankens wird dann fälschlicherweise eine 
Identität zwischen Vorhergesehenem und Eintreffendem angenommen. 
Ob es Telepathie in dem von Lalande erwähnten Sinne giebt, weifs 
ich nicht. Jedenfalls würde dann der eben geschilderte Vorgang ein 
Vorstadium sein, aus welchem sich der telepathische Zustand entwickeln 
könnte. — Sehr wohl kann, wie Dugas behauptet, in den erwähnten inten¬ 
siven Zuständen gleichzeitiger Erregung und Hemmung eine momentane 
Verdoppelung der Persönlichkeit Vorkommen. — Die Experimente von 
Bourdon endlich sind für das vorliegende Problem von grofser Wichtigkeit. 
Giessler (Erfurt). 
Bourdon. La sensation de plaisir. Rev. philos. Bd. 36. S. 225—237. (Okt 
1893). 
Bourdon betrachtet die Lust als eine specifische Empfindung, und 
zwar als die des Kitzels. Der Kitzel gilt ihm dabei natürlich als eine 
besondere Qualität des Hautsinns. Er hält dabei selbstverständlich die 
Unlust für identisch mit der vielfach angenommenen Schmerzempfindung. 
Um seine Lehre verteidigen zu können, unterscheidet er die Lust (le 
plaisir) vom Angenehmen (agréable) und ebenso den Schmerz (la douleur) 
vom Unangenehmen (désagréable). Das Angenehme ist durch Näherungs-, 
das Unangenehme durch Abstofsungsbewegungen charakterisiert. Die 
Lust ist angenehm, aber nicht alles Angenehme erzeugt Lust. Bourdon 
sucht nun nachzuweisen, dafs die lustvollen Empfindungen aller Sinnes¬ 
gebiete von leichten Tastreizen begleitet sind. So soll z. B. die Lust an 
tiefen Tönen von den Vibrationen des Thorax herrühren, die beim Aus- 
stofsen dieser Töne entstehen. Was sich so nicht erklären läfst, wird 
entweder auf Associationen zurückgeführt oder unter die Kategorie des 
Angenehmen und Unangenehmen gebracht. Indem die Theorie Bourdons 
dieser Ausflucht bedarf, weist sie selbst auf die Unmöglichkeit hin, die 
Lust als specifische Empfindung zu fassen. In der That nämlich ist diese 
Unterscheidung des Angenehmen von der Lust völlig willkürlich. Wenn 
die Empfindung eines tiefen Tones lustvoll ist, ist dann die Consonanz 
nur „angenehm“, oder erregt etwa auch sie stärkeren „Kitzel“, als die 
Dissonanz? Nebenbei sei darauf hingewiesen, dafs stärkerer oder län¬ 
gere Zeit fortgesetzter Kitzel keineswegs lustvoll ist, vielmehr bekannt¬ 
lich selbst als Folterqual Verwendung gefunden hat. 
J. Cohn (Leipzig). 
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