Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
I. H. Kurella: Naturgeschichte des Verbrechers. Stuttgart, Enke 1893, II. Bär: Der Verbrecher in anthropologischer Beziehung. Leipzig, Thieme 1893, III. Lombroso und G. Ferrero: Das Weib als Verbecherin und Prostituierte. Hamburg 1894. Verlagsanstalt u. Druckerei A.-G., IV. Paul Näcke: Verbechen und Wahnsinn beim Weibe, Mit Ausblicken auf die Kriminal - Antrophologie überhaupt. Wien u. Leipzig, Braumüller 1894
Person:
Pelman, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15512/5/
192 
Besprechungen. 
Der Mangel an altruistischen Gefühlen erklärt das dem Verbrecher 
fehlende Mitleid und seine Grausamkeit, aber auch den Mangel an Reue, 
die überhaupt nur bei Affektsverbrechern zur Geltung kommen kann, wo 
nach Ablauf des Affektes die frühere Stimmung und Anschauungweise 
wieder platzgegriffen hat. Ein weiteres Moment der Grausamkeit ist 
die Verknüpfung mit geschlechtlicher Lust, die in dem Lustmord ihre 
äufserste, in das Krankhafte hineinragende Steigerung findet. Aber 
selbst hier bedarf es der Annahme eines besonderen Mordtriebes nicht. 
Der Mangel an jeglicher sittlicher Hemmung reicht zur Erklärung der¬ 
artiger Fälle aus, und was zumal die geschlechtlichen Vergehen anbetriflft, 
so ist hierbei nicht aufser Acht zu lassen, dafs der Geschlechtsakt oft 
in der Form des Angriffes und der Vergewaltigung des Weibes aus¬ 
geführt wird. 
Trotz aller Eigentümlichkeiten des Verbrechers aber kommt Kurella 
immer wieder darauf zurück, dafs zwischen ihm und dem Geisteskranken 
ein fundamentaler Unterschied in seiner intellektuellen Natur zu suchen 
sei, und dafs jeder Versuch, eine ausgesprochene Verbrechernatur für 
geisteskrank und damit für unzurechnungsfähig zu erklären, als mifs- 
lungen zu betrachten sei. 
Und gerade hierin liegt die hohe Bedeutung der Verbrecherpsycho- 
logie für den Gerichtsarzt, und die Erklärung vieler „psychologischer 
Rätsel“ der gerichtlichen Medizin. Wenn aber das Problem des Ver¬ 
brechertums seine Lösung durch die Annahme einer psychischen 
Erkrankung nicht finde, so entspreche doch der Kern des Gewohnheits¬ 
verbrechertums dem von Lombkoso aufgestellten Typus, der sich als eine 
Varietät der heutigen europäischen Bevölkerung darstelle, charakterisiert 
durch ein unter der Norm liegendes Volumen an Schädelhöhle und Gehirn, 
namentlich durch geringe Entwickelung des Stimlappens, durch eine 
Reihe von zum Teil verborgenen Abweichungen, die Kürella als primatoide 
zusammengefafst hat, und durch eine Reihe biologischer und psycho¬ 
logischer Eigentümlichkeiten aus angeborener Anlage, die in ihrer 
Gesamtheit ein charakteristisches, von den Erscheinungsformen erblicher, 
psychopathischer Entartung durchaus verschiedenes Bild ergeben, 
(pag. 261). Über das Zustandekommen dieser Varietät können wir nur 
Vermutungen hegen. Vieles deutet daraufhin, dafs ein erheblicher Bruch¬ 
teil des Verbrechertums Familien angehört, die seit vielen Generationen 
in Vagabondage und Verbrechen leben, anderes darauf, dafs ein Aus- 
schliefsen ganzer Bevölkerungschichten von der Kulturentwickelung oder 
eine Loslösung von den natürlichen Entwickelungsbedingungen ata¬ 
vistische Vorgänge und damit das Herabsinken zum Parasitismus und 
Verbrechertum bedingt, dafs ferner in der Armee der unverbesserlichen 
Verbrecher viele dem Gange der Entwickelung nicht angepafste Elemente 
enthalten und in Reihen von Generationen fortgesetzt sind. Überhaupt 
kreuzen sich in dieser Frage nach den Entstehungsbedingungen des 
Verbrechertums eine Fülle von biologischen, anthropologischen und 
sozialen Problemen. Der Versuch, sie alle zu lösen, wird wohl so bald 
nicht mit Erfolg gemacht werden können. 
ünd so schliefst Kurella sein Buch, das mit einer Reihe von
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.