Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
I. H. Kurella: Naturgeschichte des Verbrechers. Stuttgart, Enke 1893, II. Bär: Der Verbrecher in anthropologischer Beziehung. Leipzig, Thieme 1893, III. Lombroso und G. Ferrero: Das Weib als Verbecherin und Prostituierte. Hamburg 1894. Verlagsanstalt u. Druckerei A.-G., IV. Paul Näcke: Verbechen und Wahnsinn beim Weibe, Mit Ausblicken auf die Kriminal - Antrophologie überhaupt. Wien u. Leipzig, Braumüller 1894
Person:
Pelman, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15512/4/
Besprechungen. 
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ausschliefslich aus dem alten. In London würden unter den 350000 Armen, 
die aus öffentlichen Mitteln erhalten würden, etwa 40 000 zu Tagedieben 
und Verbrechern geboren. 
Daher kämpfe die öffentliche Fürsorge für elternlose und verwahr¬ 
loste Kinder auch vergebens gegen die bereits überkommene erbliche 
Anlage an, die nicht zu überwinden sei. 
Mit ganz besonderem Interesse wird man dem Verfasser in seinen 
Betrachtungen über die Psychologie des Verbrechers folgen, die dadurch 
ihre besonderen Schwierigkeiten haben, dafs der Verbrecher Seelenzu¬ 
stände durchlebt, die sich der normale Mensch eigentlich gar nicht vor¬ 
stellen kann. 
Wenn man z. B. den bekannten Roman Dostojewskis Raskolnikoff 
durchliest, so wird man sich eines gelinden Grauens nicht entschlagen 
können und sich immer wieder die Frage vorlegen müssen, wie es möglich 
sei, dafs jemand derartige Zustände schildern könne, ohne sie selber 
durchlebt zu haben, und wie kann er sie durchlebt haben, wenn er das 
Verbrechen nicht selber begangen hat? 
Man gelangt hier eben zu Krankheitsformen und Seelenzuständen, 
die weit abliegen von dem Seelenleben normaler Menschen, und daher 
ist es auch erklärlich und entschuldbar, wenn man diese fremdartigen 
Geisteszustände einfach dem Irrsein zuschob und sie mit ihm ver¬ 
wechselte. (Prichards Moral insanity.) 
Ihre Schilderung fällt daher der Kriminalpsychologie und nicht der 
Psychologie anheim. 
Eine der fundamentalen Thatsachen der Verbrecher-Psychologie ist 
der Parasitismus der Verbrecher, ihre Sucht, sich auf Kosten anderer 
zu ernähren. 
Heute wie vor Jahren hat das Verbrechertum seine Hauptwurzel in 
der Vagabondage. Landstreicher und Verbrecher sind nicht zu unter¬ 
scheiden, und der erstere sinkt unmerklich und unvermeidlich zum Diebe 
und zum Mörder herab, dank seiner Arbeitsscheu, die zum Teil auf 
Krankheit beruht (20—30% sind epileptisch und schwachsinnig), zum 
andern Teil auf der entschiedenen Abneigung gegen jede geordnete Thätig- 
keit. Lieber sterben als arbeiten, das ist die Lebensweisheit dieser Indi¬ 
viduen, und wir können es an jedem Tage erleben, wie sie in haltlosem 
Drange immer wieder aufs neue den Entbehrungen der Landstrasse zu¬ 
streben, ohne Rücksicht auf alles, was zu ihrer Hülfe und Besserung 
geschehen ist. 
Dies gilt vorzugsweise von den Prostituierten. Andere Eigentüm¬ 
lichkeiten ihres Charakters bilden ihre Selbstüberhebung und die 
"Unfähigkeit, sich in eine gegebene Ordnung zu fügen, ihre Ehrlosigkeit 
und Verlogenheit, die den Vagabunden zum Schwindler machen, und ein 
Komödiantentum, das sie bis auf das Schaffot begleitet. Allen gemeinsam 
ist dieSouveränität des Augenblickes, die Gleichgültigkeit gegen die Zukunft. 
Nur der augenblickliche Eindruck ist für das Handeln entscheidend, 
von Überlegung keine Spur; der Verbrecher folgt seinem Antriebe, weil 
ihm entgegenstehende Empfindungen überhaupt fehlen, und daraus ergiebt 
sich u. a. die Unwirksamkeit der Ahschreckungstheorie in der Strafe.
        

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