Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die geistige Ermüdung von Schulkindern. Beobachtungen nach statistischer Methode als Beitrag zur experimentellen Psychologie
Person:
Höpfner, L.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15451/33/
Uber die geistige Ermüdung von Schulkindern. 
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Nach, dem Urteil der berühmten Sprachforscher liegen also 
dem Sprachverfall der Nationen dieselben Ursachen zu Grunde, 
wie wir sie hier bei der Verstümmelung der Wörter durch ein¬ 
zelne Individuen annehmen, nämlich eine Art „Prinzip des 
geringsten KraftaufwandesKein Wunder also, dafs die 
Kinder mit wachsender Ermüdung Fehler begehen, die sich als 
solche des Sprachverfalls charakterisieren. Selbst wenn also 
die gewohnte Umgangssprache diesen Fehlern nicht vor¬ 
gearbeitet hätte, würde der Zustand der Ermüdung für sich 
ausreichen können, ähnliche Fehler, wie die oben genannten, 
zu veranlassen. 
Kussmaul fährt weiter fort: „Diese Untersuchungen der 
Philologen bieten dem Pathologen beim Studium der 
Fehler der Lautbildung, wie sie an einzelnen Individuen oder 
ganzen Volksklassen inmitten einer dieselbe Sprache sprechenden 
Nation zur Beobachtung kommen, ein grofses Interesse. Wir 
sehen nämlich dasselbe Unvermögen, diesen oder 
jenen Laut auszusprechen, dieselbe Neigung, ihn 
durch einen bestimmten anderen zu ersetzen, die¬ 
selbe littérale Verschwommenheit und unentschiedene 
Lautfixierung, endlich auch dieselbe Neigung, aus 
Trägheit Laute, Silben und Wörter zu korrumpieren, 
denen wir bei ganzen Völkern und Hassen begegnen, 
auch bei einzelnen Individuen oder Teilen eines 
Volkes.“ 
Und wir können hinzufügen: wenn dieses letztere nicht 
der Fall wäre, so gäbe es wohl auch keinen Verfall der Sprachen 
selbst; denn dieser entsteht nur durch Summation all der kleinen 
Veränderungen, welchen die Aussprache der Individuen unter- 
liegt. 
Blicken wir zurück auf die Analyse der Fehler des Aus¬ 
falls, so sehen wir, dafs sich die formale Gruppierung der 
Fehler auch für ihre psychologische Beurteilung frucht¬ 
bringend erwiesen hat. Die psychologischen Folgerungen, 
welche sich ergeben haben, bedürfen zwar der Bestätigung 
durch eine Analyse einer weit gröfseren Fehlerzahl, als sie uns 
hier vorlag,' aber sie besitzen gleichzeitig so viel innere Wahr¬ 
scheinlichkeit, dafs auch umgekehrt die eingeschlagene Methode 
durch ihre Resultate empfohlen wird. Und mindestens haben 
wir Gesichtspunkte gewonnen, die uns bei künftigen Versuchen
        

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