Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die geistige Ermüdung von Schulkindern. Beobachtungen nach statistischer Methode als Beitrag zur experimentellen Psychologie
Person:
Höpfner, L.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15451/32/
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L. Hopfner. 
Hälfte, die anderen 12 in. der zweiten Hälfte des Diktats, 
während nach dem Vorkommen der genannten Formen in beiden 
Hälften die Zahlen der möglichen Fälle sich verhalten 
wie 3:4. 
Interessant ist noch folgender Fall. „Nicht“ lautet in der 
Umgangssprache der Kinder „nich“. Dieses „nicht“ kam nun 
im ganzen Diktat 3 mal vor, und zwar im 8., 15. und 17. Satz. 
Es wurde „nich“ statt „nicht“ im 8. 0, 15. 1 und 17. Satz 
3 mal geschrieben. 
Dieses letzte Beispiel betrachte ich als typisch für alle 
Fehler des Ausfalls von Buchstaben, welche durch Ermüdung 
verursacht werden. Man gestatte daher, einen Augenblick 
hierbei noch v zu verweilen. Warum wird das Wort „nicht“ 
zuerst von allen Schülern richtig, einige Zeit darauf 
schon von einem Schüler falsch und wieder nach einiger Zeit 
von dreien falsch geschrieben? Auf diese Frage habe ich 
geantwortet: „Weil die vom Schüler gegebene falsche Schreib¬ 
weise der ihm geläufigen Aussprache entspricht, und weil diese 
letztere im Zustande der Ermüdung die angelernte und noch 
wenig eingeübte korrektere Aussprache verdrängt.“ Das weniger 
G-eübte ermüdet früher, als das Gewohnheitsmäfsige. Auch die 
das Schreiben regulierende Vorstellung des-Schriftbildes 'konnte 
durch Ermüdung aufser Funktion gesetzt werden. 
Eine neue Beleuchtung erhält dieser Fall — und zugleich 
mit ihm alle verwandten Fälle —• durch folgende Frage: 
„Warum lautet das Wort „nicht“ in der Umgangssprache 
„nich“? Ich finde keine bessere Antwort, als was Küssmaul in 
seinem viel genannten Werke2 über den lautlichen Verfall der 
Sprachen schreibt: „Lange Wörter wurden in kurze zusammen¬ 
gezogen, Laute und Silben ausgestofsen. Der Franzose korrum¬ 
pierte pater und mater zu père und mère, der Engländer das 
angelsächsische hläford zu lord, hlaefdige zu lady. — Auf die 
Frage warum? giebt M. Müller die einfache, aber wohl für 
die allermeisten Fälle zutreffende Erklärung des natürlichen 
Strebens, mit möglichst wenig Muskelanstrengung und 
Atemaufwand denselben Zweck zu erreichen, wie mit viel; 
schliefslich wurde das kurze père so gut begriffen, wie das 
längere pater und lord so gut wie hläford.“ 
2 A. a. O. S. 243 unten.
        

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