Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über den Ursprung der richtigen Deutung unserer Sinneseindrücke
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15402/7/
Über den Ursprung der richtigen Deutung unserer Sinneseindrücke. 87 
wird nicht daran zweifeln können, dafs dies die Schule ist, in 
der sie das natürliche Verhalten der sie umgebenden Gegen¬ 
stände kennen lernen, dabei auch die perspeetivischen Bilder 
verstehen, ihre Hände gebrauchen lernen. Ebenso lehrt die 
Beobachtung jüngerer Kinder, dafs sie in den ersten "Wochen 
ihres Lebens diese Kenntnisse noch nicht haben. Wenn ihnen 
irgend eine instinktmäfsige Kenntnifs angeboren wäre, so sollte 
man erwarten, dafs es in erster Linie die Kenntnifs des Bildes 
der Mutterbrust sein müfste und die Kenntnifs derjenigen 
Bewegungen, durch welche sie sich diesem Gesichtsbilde zu¬ 
wenden könnten. Aber eine solche Kenntnifs fehlt ganz 
offenbar. Man sieht, dafs das Kind lebhaft wird, wenn es in 
die Stellung für das Säugen gebracht wird, und unruhig suchend 
den Kopf hin und her wendet, um die Brust zu finden, aber 
es wendet sich in den ersten Tagen ebenso oft von der Brust 
ab, wie ihr zu, obgleich es diese frei erblicken kann. Offenbar 
weifs es in diesem frühen Alter weder das Gesichtsbild, noch 
die Richtung seiner Bewegungen zu deuten. 
Ebenso oft sieht man, dafs ein Kind von ein oder zwei 
Wochen, dem man eine Kerzenflamme vorhält, unruhig wird 
und die Augen hin und her wendet, offenbar mit der Absicht, 
die helle Flamme anzustarren. Sobald es die richtige Stellung 
der Augen gefunden hat, folgt es langsameren Bewegungen 
der Flamme mit dem Blicke. Aber das Kind weifs im Anfänge 
nicht, sicher mit dem Blick eine etwas seitlich im Gesichts¬ 
felde befindliche Flamme zu erreichen. Nach zwei oder drei 
Wochen aber gelingt ihm dies verhältnifsmäfsig schnell; erst 
viel später gelingt das Greifen mit der Hand nach einem ge¬ 
sehenen Gegenstände. 
Ich folgere daraus, dafs die Deutung auch einiger der ein¬ 
fachsten und für das menschliche Kind wichtigsten Gesichts¬ 
bilder von ihm erlernt werden mufs und nicht durch angeborene 
Organisation von vornherein ohne vorausgehende Erfahrung 
gegeben ist. Wie weit ein ähnlicher Schlufs auf neugeborene 
Thiere ausgedehnt werden darf, brauchen wir hier nicht zu 
entscheiden. Die Seelenthätigkeiten der Thiere sind vielleicht 
durch ihre Instincte auf engere Wege beschränkt, die das Thier 
auf engerem Gebiete sicherer sich bewegen lassen, als es dem 
freier wählenden Menschen für seine spätere Entwickelung 
dienlich wäre..
        

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