Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Th. Ribot: Sur diverses formes du caractère. Revue philosophique, No. 11, Bd. 34, S. 480–500
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15351/1/
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Litteraturbericht. 
worden, sondern auch für eine genügende Einsicht in die Schwierigkeit 
der Psychologie und in die Methode, nach der letztere getrieben werden 
mufs. ■ 
Es wäre dann auch reichlich Gelegenheit geboten, gleich hei Be¬ 
sprechung der einzelnen Erscheinungen und ihrer Gesetze die Anwendung 
auf die Pädagogik zu machen, wodurch das Buch einen einheitlichen 
Charakter erhalten hätte, während es jetzt in zwei gesonderte Teile zer¬ 
fällt und die enge Beziehung zwischen Psychologie und Pädagogik nicht 
genügend erkennen läfst. Ufeb (Altenburg). 
Th. Bibot. Sur les diverses formes du caractère. Bevue philosophique. 
1892. No. 11. Bd. 34. S. 480-500. 
Die von wissenschaftlichem Geiste getragene Arbeit behandelt die 
schwierige Aufgabe, die Charaktere zu klassificieren, in umfassendster 
Weise: Der Verfasser bringt dabei mit feinem Geschick einen der 
Zoologie und Botanik entlehnten Einteilungsgrund zur Anwendung, 
nämlich die Einteilung in Gattungen, Arten und Varietäten. 
Zwei Kategorien von Charakteren werden ausgeschlossen: die 
amorphes, welche keine ihnen eigentümliche Form besitzen, sondern ein 
Produkt der Erziehung und der Umstände sind, und die instables, welche 
ein Bild der absoluten Unbestimmtheit darbieten. 
Die Gattungen als solche entsprechen noch keiner konkreten 
Kealität. Bibot unterscheidet die sensitifs, die actifs und die apathiques_ 
I. Die sensitifs haben als Kennzeichen die ausschliefsliche Herrschaft 
der Empfindung. Erregbar zum äufsersten gleichen sie Maschinen, welche 
sich in fortwährender Vibration befinden. Sie leben vorherrschend 
innerlich. Die physiologischen Grundlagen dieser Klasse sind zu suchen 
in dem Vorherrschen der inneren Organempfindungen des vegetativen 
Hebens. Sie sind im allgemeinen Pessimisten, unruhig, furchtsam, nach¬ 
denklich. 
II. Die actifs besitzen die Tendenz zu handeln. Sie gleichen 
Maschinen, welche sich in fortwährender Bewegung befinden. Sie leben 
vorherrschend äufserlich. Die physiologischen Grundlagen dieser Klasse 
bestehen in einem reichen Besitz von Energie, in einem Überflufs von 
Hebenskraft. Sie sind meist Optimisten, weil sie genug Kraft verspüren, 
um gegen die Hindernisse anzukämpfen, sie sind fröhlich, unter¬ 
nehmend, kühn. 
III. Die apathiques charakterisieren sich durch das Herabsinken 
des Fühlens und Handelns unter das mittlere Niveau. Die beiden ersten 
Klassen waren positiv, diese ist negativ. Die apathischen Charaktere 
dürfen als angeborene nicht verwechselt werden mit den amorphen, 
welche erworben sind. Die apathiques sind weder Pessimisten noch 
Optimisten, sie sind indifferent, faul, schläfrig, träge, sorglos. 
Gehen wir nun von den Gattungen zu den Arten über, d. h. zu den 
eigentlichen Grundtypen des Charakters, welche Bealität besitzen und 
der Beobachtung zugänglich sind, so kommt hier ein neuer Faktor hinzu: 
die intellektuellen Dispositionen. 
I. Unter den sensitifs werden unterschieden:
        

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