Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Benjamin Ives Gilman: Report on an Experimental Test of Musical Expressiveness. Americ. Journ. of Psychol. IV, 4 u. V. 1, 50 S., 1892
Person:
Stern, L. William
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15326/1/
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LitteraturbericM. 
doppelten Gesichtspunkte begründet er seine Thesen in zwei Kapiteln, 
deren erstes das Störende der Immoralität vonseiten der ästhetischen 
Lust behandelt, während das zweite denselben Punkt von den objektiven 
Elementen des Schönen aus zu erhärten sucht. 
In der ersten Beweisführung steht der Begriff der Harmonie der 
menschlichen Organisation im Mittelpunkte. Das unsittliche Kunstwerk 
kann die Gefühlswirkung des Schönen nur unvollkommen erreichen, 
weil diese Harmonie im Nachempfinden beeinträchtigt wird. Im zweiten 
Kapitel kommt dieselbe centrale Bedeutung dem Begriffe der Propor- 
tioniertheit zu. Das objektiv Schöne ist sinnliche Darstellung des 
Ideals, zugleich aber eine Beproduktion der Wirklichkeit, der der 
Künstler den Stempel seiner Persönlichkeit aufprägt. Unter den Elementen 
des Schönen kommt aber eine besondere Bedeutung der Proportioniert- 
heit zu; Unproportioniertheit ist ein Element der Häfslichkeit. Natür¬ 
lich ist nun das Unmoralische ein Unproportioniertes, und wir sind 
\yieder bei einem Quod erat demonstrandum angelangt. 
A. Döring. 
Benjamin Jves Gilman. Report on an Experimental Test of Musical 
Expressiveness. Americ. Journ. of Psychol. IV. 4 u. V. 1 (50 S.). (1892). 
G. schildert uns hier ein in mancher Hinsicht interessantes musik¬ 
psychologisches Experiment. Zu dem Zwecke, die Ausdrucksfähigkeit 
der Musik zu untersuchen, veranstaltete er ein Konzert. Die Hörer, 
denen das Programm unbekannt blieb, bestanden aus 16 Herren und 
12 Damen, unter ihnen kein Musiker von Fach, dagegen einige direkt 
unmusikalische Individuen. Vor Beginn jedes Stückes wurden Fragen 
gestellt, betreffend die Vorstellungen bezw. Stimmungen,, die das Stück 
in dem Hörer erweckte; letzterer hatte dann nach Beendigung des Stückes 
eine Antwort sogleich in ein Notizbuch einzutragen, natürlich unter Ver¬ 
meidung eines jeden vorherigen Gedankenaustausches. Die angewandten 
Instrumente waren Klavier und Violine; Gesangspartien Wurden wegen 
der störenden Associationen, die sich leicht an den Text anschliefsen 
konnten, nicht von der menschlichen Stimme, sondern von der Geige 
wiedergegeben. Die meisten Stücke wurden mehrmals gespielt ; das 
Konzert währte ungefähr 4 Stunden. G. teilt uns zuerst 11 der vor¬ 
gelegten Fragen nebst sämtlichen darauf ergangenen Antworten mit und 
knüpft im zweiten Teil an jede Antwortserie Auseinandersetzungen und 
Folgerungen, indem er die wahre Bedeutung, den eigentlichen Inhalt 
eines Musikwerkes darnach bemifst, wie weit sich Übereinstimmungen 
in den Urteilen der Majorität der Hörer finden. 
Soviel über den Thatbestand. Bevor wir zur Besprechung der 
Resultate übergehen, noch einige Worte über den wissenschaftlichen 
Wert des Experimentes. Dasselbe ist unleugbar nichts weniger als 
einwurfsfrei. Vor allem durfte der Versuch nicht an einem so zusammen¬ 
gesetzten, die verschiedenartigsten Bestandteile in sich enthaltenden 
Gebilde, wie ein ganzes Musikstück es ist, gemacht werden. Dasselbe 
erzeugt stets eine ungeregelte Reihe sich widerstreitender Eindrücke, 
von denen nur einige wenige in dem Urteil des Hörers Aufnahme finden
        

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