Bauhaus-Universität Weimar

Zur Theorie der cerebralen Schreib- und Lesestörungen. 321 
das Entstehen von Lauten durch Bewegungsimpulse handelt. Dasselbe 
gilt für die Suppléance fonctionelle. Stellvertretung und Hervor¬ 
rufen des Fehlenden durch ein anderes psychisches Moment sind 
zweierlei. Professor Pick spricht von einer Deutung, die er den That- 
sachen gegeben hat. Diese „Deutung“ besteht darin, dafs er pag. 53 als 
psychische Voraussetzung der gewollten Schreibbewegungen „graphische 
Bewegungsvorstellungen“ annimmt, was für jeden, der Stricker studiert 
hat, absolut selbstverständlich erscheint. 
Pag. 53 macht Pick, um die Zugehörigkeit der von ihm eingezogenen 
Fälle von „schreibend Lesen“ zu beweisen, implicite folgende Parallele: 
Wie bei den „schreibend Lesenden“ zu Schriftzeichen durch Bewegungs¬ 
empfindungen Laute, so werden bei Voit zu Gegenständen durch Schreib¬ 
bewegungsempfindungen Namen gefunden. Pick stützt sich hierbei auf 
die Lokalisation von Schriftbildern und Gegenstandsvorstellungen in 
einem einheitlichen optischen Gentrum. „Es fällt jedoch dieser Einwand, 
wenn wir mit Wernicke kein besonderes Centrum für das Lesen innerhalb 
der optischen Kindenendigung annehmen, wofür keinerlei zwingende 
Thatsachen vorliegen, wir vielmehr die Buchstaben und Objektbilder 
einander gleichstellen.“ Diese Gleichstellung ist unhaltbar. Vermutlich 
wird Professor Pick durch meine diesmaligen Mitteilungen veranlafst 
werden, ein Lesecentrum zu postulieren, da ja nachweislich für einige 
Buchstabenzeichen total die Erinnerungsbilder verloren gegangen sind. 
Ich selbst postuliere kein Lesecentrum, sondern stelle vorläufig nur 
Thatsachen über isolierte Lücken im Buchstabenverständnis fest, behaupte 
ferner, dafs es psychologisch etwas völlig anderes ist, wenn ich zu 
Schriftbildern, welche ja durch Schreibbewegungen zu stände 
kommen, durch Schreibbewegungen Laute finden, als wenn Voit zu 
Gegenstandsvorstellungen, welche als solche zunächst gar nichts mit 
Schreibbewegungen zu thun haben, die Namen schreibend findet. Ich 
behaupte also, dafs von einer völligen Gleichstellung von Schriftzeichen 
und Objektbildern in Bezug auf Schreibbewegungen, besonders von einer 
Lokalisation im gleichen Centrum, gar nicht die Rede sein kann. Dadurch 
wird die Parallele Picks hinfällig. Die Thatsache, dafs gewisse Menschen 
die Laute. Hier handelt es sich also um ein Schreiben nach Vorlage 
oder um das Abzeichnen eines durch die Vorlage erregten Buchstaben¬ 
bildes. Bei Voit dagegen wird nachweislich ohne ein solches inneres 
Buchstabenbild geschrieben. In meinem Aufsatz ist gerade auf diese Art 
des Schreibens ohne akustische und optische Vorstellungen das Haupt¬ 
gewicht gelegt. Immerhin pafst dieser Fall wenigstens in den er¬ 
weiterten Rahmen, den ich dem Problem in der Schlufsfrage gegeben 
habe. — Meine Schilderung der gewöhnten Anschauungen über den 
Sprachvorgang, die ich dort skizziert hatte, bezogen sich wesentlich 
auf die in der GRASHEYSchen Abhandlung vertretenen Anschauungen, die 
trotz Prof. Picks mich zu ergänzen bestimmter Kasuistik in Deutschland 
bisher entschieden die herrschenden gewesen sind und erst neuerdings 
(cfr. Löwenfeld, Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde 1891) Anfechtung 
erfahren haben. 
Zeitschrift für Psychologie V. 
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