Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Theorie des Farbensehens: Erweitert nach einem auf dem psycholog. Kongreß zu London (August 1892) gehaltenen Vortrag, Inhaltsübersicht am Schluß
Person:
Ebbinghaus, Hermann
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15261/55/
Theorie des Farbensehens. 
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seitens der beiden Substanzen gelegenen (für die Empfindung 
gelben) Lichstrahlen wirken auf beide gleichzeitig; ihre Ab¬ 
sorptionsspektren greifen hier übereinander. Bei Bestrahlung 
durch das geeignete Licht wird auch die zweite Substanz 
zersetzt; aus ihren Zersetzungsprodukten wird dann durch die 
organischen Kräfte und vielleicht unter Assistenz von Licht¬ 
strahlen mittlerer Wellenlänge die ursprüngliche Rotgrünsubstanz 
wieder regeneriert. Bei beiden Zersetzungen wird Energie frei, 
deren Einwirkung auf den Sehnerven sich in der Empfindung 
als1 Helligkeit manifestiert. Zugleich geschieht diese Über¬ 
tragung der Energie auf den nervösen Apparat und dessen 
Erregung bei isolierter Zersetzung einer der beiden Substanzen 
in einer gewissen eigentümlichen Weise, die in der Empfindung 
als Farbigkeit zum Bewufstsein kommt. Bei Zersetzung der 
ersten Substanz gewinnt so die Helligkeit den Hebencharakter 
des Roten, bei Zersetzung der zweiten den Nebencharakter des 
Grünen. Werden beide Substanzen gleichzeitig zersetzt, so 
stören sich jene spezifischen Eigentümlichkeiten der Nerven¬ 
erregung; unter Umständen geht der farbige Charakter der 
Empfindung ganz verloren. Da aber die Gröfse der ausgelösten 
Energie dadurch nicht tangiert wird, so besteht die von dieser 
herrührende Empfindung der Helligkeit, jetzt ohne den chro¬ 
matischen Nebencharakter, ungeändert fort. 
Wenn nun die Zapfen der Netzhaut, um zu diesen zurück¬ 
zukehren, aufser dem Sehpurpur noch eine Substanz enthalten, 
wie die eben beschriebene, welche Farbe müssen sie wohl haben? 
Vorwiegend rote Lichtstrahlen absorbieren heifst, grün aussehen ; 
von Hause aus und an und für sich ist die Rotgrünsubstanz 
also grün von Farbe, d. h., annähernd komplementär gefärbt zu 
dem Sehpurpur. Nun sind diese beiden Sehstoffe jedenfalls 
als durchsichtige, halbflüssige Substanzen zu denken. Gebilde, 
in denen sie einfach durcheinandergemischt enthalten sind, 
müssen somit annähernd neutral aussehen, d. h., in dicker Schicht 
schwarz, in der mikroskopisch dünnen Schicht der Zapfen- 
aufsenglieder dagegen grau, vielleicht mit einem schwachen 
Stich ins Bläuliche. Dafs die Zapfen keine bestimmte Farbe 
erkennen lassen, ist also, wenn sie die Rotgrünsubstanz und 
den Sehpurpur in- Mischung enthalten, vollkommen selbst¬ 
verständlich. Es beweist nicht, wie man meist geschlossen hat, 
dafs der Sehpurpur für das Sehen keine rechte Bedeutung
        

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