Bauhaus-Universität Weimar

Litteratùrbericht. 09 
Wallaschek, R. Das musikalische Gedächtnis und seine Leistungen bei 
Katalepsie, im Traum und in der Hypnose. Viertel]ahrsscJir. f. Mus.- 
Wiss. 1892. S. 204—261. ' 
Verfasser unterscheidet zwei Hauptformen des musikalischen Ge¬ 
dächtnisses. Hie eine ist eine rein mechanisch-reflektorische, eine blofs 
imitative. Zu ihr gehört das Sprechen des Papageien, das verständnis¬ 
lose, aber korrekte Nachplappern der Idioten. Hierher gehören ferner 
die Palle, dafs sonst ganz unmusikalische Personen in der Hypnose, in 
der Narkose, im Fieberdelirium ganze, zum Teil vor Jahren gehörte, 
vielleicht gar in fremder Sprache verfafste Lieder, Arien u. dergl. 
reproducieren. Verfasser bringt „eine Menge von .Beispielen dieser und 
ähnlicher Art und erklärt dieselben so, dafs in dem abnormen geistigen 
Zustande alle anderen, sonst hemmenden, associativen Vorgänge momentan 
ruhen und nur die eine zu der- musikalischen Reproduktion nötige Kette 
von Vorstellungen und Bewegungsimpulsen Sich abspiejti — Die andere, 
höhere Form des musikalischen Gedächtnisses ist die, dafs. das Gehörte 
erst geistig verstanden und verarbeitet und alsdann mit bewufstem Ver¬ 
ständnis wiedergegeben wird. Oft ist es schwer, eine objektive Grenze 
zwischen beiden Formen zu ziehen. —. Die. Untersuchung ist im übrigen 
reich an einzelnen Bemerkungen und Belegen bezüglich des Einflusses 
der Musik auf das gesunde und kranke Seelenleben im allgemeinen und 
die Ideenassociation im besonderen. Schaefer (Rostock), 
G. Danville. L’amour est-il un état pathologique? ' HUme jphiioé. Bd. 35. 
S) 261-283, (1893. No. 3.) ' - ■ M.- V ‘ 
Die bekannten Anschauungen Schopenhauers und v. Hartmanns über 
die Geschlechtsliebe, in welchem diese als der Instinkt, als das unbewufste 
Sehnen gedeutet wird, ein neues, dem Menschheitsideal vollkommener 
entsprechendes Individuum zu schaffen, besitzen keine Allgemeingültigkèit, 
Aufser jenem unbewufsten Verlangen ist es eine Reihe wohl bewufster 
Vorstellungen, welche bei den „robusten Naturen“ zur Eheschliefsung 
führen. Sieht man weiter ab von den Sexuell-Perversen, welche Binet 
die Fetischisten in der Liebe nennt, so bleibt als wahre Liebesleidenschaft 
jene gewaltige Kraft, welche die Liebenden die thörichtesten Entschlüsse 
fassen, die unverständlichsten Handlungen begehen läfst, jene gewaltige 
Kraft, welche rücksichtslos die festen Schranken von Familie und Ge¬ 
sellschaft zu stürzen vermag. Diesen so komplicierten Seelenvörgang 
durch einfache Attraktion des Spermatozoon zu einem Ovulum erklären 
zu wollen, ist nicht angängig. Nicht in den chemischen Attributen der 
Cytoden liegt die Genese der Liebe, sondern in der Entwickelung und 
dem Mechanismus des Bewufstseins. - 
Eine frappante Ähnlichkeit hat die aufflackernde Liébè mit den 
Zwangsideen. Hier wie dort ein jmwufstloses Delir, hier wie dort 
ein plötzliches Auftreten ohne Vorboten, hier wie dort eine voraus¬ 
gehende Angstempfindung, ein nachfolgendes Sättigungsgefühl, die Sucht 
zu triebartigen Handlungen. Zwingen diese Charaktere, welche allein 
auf die Analogie gestützt werden, zur Annahme, dafs die Liebenden 
Degenerierte seien, die Liebe eine Neurose sei? Nein, das wirklich
        

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