Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Benno Kerry: Über Anschauung und ihre psychische Verarbeitung. Vierteljahresschrift f. wissensch. Philosophie, 1885-1891, E. G. Husserl: Philosophie der Arithmetik. Psychologische und logische Untersuchungen, Erster Band, Halle-Saale, Pfeffer-Stricker, 1891, Chr. v. Ehrenfels: Zur Philosophie der Mathematik. Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philosophie, 1891
Person:
Höfler, A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15231/11/
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Besprechungen. 
demgegenüber kann Referent vorläufig nur bekennen, dafs ihn die hier 
bekämpfte Lehre Lotzes von einem aktiven Verhalten auch schon 
bei jenen intellektuellen Leistungen als solchen1 mehr angesprochen hat, 
als Stumpfs Versuche zur Einschränkung des Begriffes „psychischer 
Thätigkeit“ auf das jene Leistung blofs vorbereitende Eingreifen des 
“Willens. Doch sei bereitwilligst zugestanden, dafs dieses Kapitel von 
der psychischen Thätigkeit (trotz der oben erwähnten Beiträge Kerrys 
zur Ausgestaltung des Begriffes „psychischer Arbeit“) vorläufig selbst 
viel zu wenig „bearbeitet“ ist, als dafs hier nicht überall die Gefahr 
blofser Wortstreitigkeiten nur zu nahe läge. Eben deshalb erlauben wir 
uns, dem Herrn Verfasser, der ja gerade in dieser Sache noch „am Werk“ 
und durch das schon Geleistete zur weiteren Klärung auch jener Dunkel¬ 
heiten vor Anderen berufen ist, auf eine Reihe von Stellen seines vor¬ 
liegenden I. Bandes aufmerksam zu machen, welche wenigstens den Schein 
erwecken, als habe sich ihm zeitweilig doch auch selbst das „Analysieren“ 
(und das „Vergleichen“) als eine „Thätigkeit“ dargestellt. Wir heben 
die Termini, welche in uns diesen Eindruck insbesondere hervorgerufen 
haben, durch Kursivdruck hervor: 
S. 77. Vergleichen wir . . . den Inbegriff mit irgend einem primären 
Vorstellungsinhalte. Um bei einem solchen die verbindenden Relationen 
zu bemerken, ist Analyse nötig. Handelt es sich z. B. um das Vorstellungs¬ 
ganze, das wir Rose nennen, dann erhalten wir durch Analyse successive 
die verschiedenen Teile derselben: die Blätter, den Stengel u. s. w. (die 
physischen Teile); dann die Earbe, deren Intensität, den Geruch u. s. w. 
(die Eigenschaften). Jeder Teil wird durch ein besonderes Bemerken heraus¬ 
gehoben und mit den bereits ausgeschiedenen zusammen festgehalten. 
Als nächster Erfolg der Analyse resultiert, wie wir sehen, ein Inbegriff, 
nämlich der Inbegriff der für sich bemerkten Teile des Ganzen. 
S. 80. „Für die Auff'asstmg eines jeden der kolligierten Inhalte bedarf 
es eines besonderen psychischen Aktes ; ihre Zusammenfassung erfordert 
dann einen neuen, der jene gliedernden Akte offenbar in sich schliefst, 
also einen psychischen Akt zweiter Ordnung bildet.“ 
S. 96. „Nur dies ist gültig, dafs die ursprünglich ungeschiedene 
Einheit eines zusammengesetzten Phänomens in eine Mehrheit übergeht, 
zu deren Heraushebung eine Mehrheit von Denkakten erforderlich ist.“ 
S. 99. „. . . dafs die einzelnen Inhalte durch besondere Akte heraus¬ 
gehoben und dann erst durch einen gemeinsamen, einen alle einigenden Akt 
umfafst werden.“ 
S. 162. Das Vergleichen und Unterscheiden, das Kolligieren (die Einigung 
von konkreten Inhalten zu Inbegriffen), sowie das Zählen (die Abstraktion 
der allgemeinen Inbegriffsformen) sind wohlunterschiedene Geistesthätig- 
keiten, welche auseinandergehalten werden müssen. 
1 Nach einer Bemerkung Meinongs dürfte gerade der von Stumpf 
(I. S. 33) strikt erbrachte Beweis einer von der „Empfindungsschwelle“ auch 
bei höchster Aufmerksamkeit noch verschiedenen „Urteilsschwelle“ 
(S. 34) für die Annahme besonderer, nicht auf Vorstellungs- und Willens¬ 
dispositionen zurückführbarer Urteilsdispositionen sprechen. Die 
Aktualisierung einer solchen Disposition (Verwendung potentieller 
psychischer Energie zu psychischer Arbeit) würde dann wohl auch be¬ 
sonderen Anspruch auf den Namen einer „geistigen Thätigkeit“ haben.
        

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