Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bedeutung der Aphasie für die Musikvorstellung
Person:
Wallaschek, Richard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15229/2/
Die Bedeutung der Aphasie für die Musikvorstellung. 
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0b sie daher unter diese Gruppe von Amusie gehört. Nach 
den bisherigen Beobachtungen haben wir immerhin Grund, sie 
hier zu belassen. Hierher gehört neben den bekannten seiner 
Zeit im „Mind“ erwähnten Fällen wohl auch der von Licht¬ 
heim, dessen Patient immer nur schreien hörte, wenn seine 
Kinder im Nebenzimmer sangen.1 
c. Paramusie. Dieser äufserst häufige Fall, der so oft als 
Übergangsstadium zu oder von vollkommener motorischer 
Amusie zu finden ist, ist auch in den von Oppenheim beob¬ 
achteten Fällen erwähnt, wo er in Verbindung mit motorischer 
Aphasie vorkam (No. 12). 
d. Musikalische Amnesie, wurde beobachtet in Verbindung 
mit motorischer Aphasie, während das Verstehen des Ge¬ 
sprochenen und das Vermögen, zu schreiben, erhalten war.2 
Die Kranke stimmte in die Lieder der Mitpatientinnen ein, 
jedoch ohne allein zu singen und ohne den Text auszusprechen. 
Ein anderer Patient konnte jede neue Melodie nachsingen, 
ältere ihm bekannte wiedersingen, wenn man seiner Erinnerung 
zu Hülfe kam, konnte aber nie selbst darauf kommen.3 Oft 
sehen die künftigen Patienten, durch kleine Vorboten auf¬ 
geschreckt, den Zustand lange vor seinem Eintritt voraus, wobei 
ihnen der Blick in die traurige Zukunft noch durch entsetz¬ 
liches Angstgefühl verdüstert wird, plötzlich alles zu vergessen 
und so des besten Teiles der Geisteskräfte beraubt zu sein. 
So hat der von den Bayreuth-Aufführungen her berühmte 
Sänger Emil Scaria in der letzten Zeit seines Wiener Engage¬ 
ments den Direktor der Oper in nicht geringes Erstaunen 
versetzt, als er ihn schluchzend bat, man möge ausnahmsweise 
die Verfügung treffen und ihm jemand auf die Bühne mit¬ 
geben, der ihm seinen Part stets einflüstern könne, wenn 
Scaria selbst ihn vergessen sollte. Der gewöhnliche Souffleur 
genügte nicht mehr. Mit wachsender Besorgnis sah seine 
Umgebung diesen Zustand sich verschlimmern, aber erst zwei 
Jahre nachher merkte man während einer Tannhäuser-Aufführung, 
dafs an ein weiteres Auftreten Scarias nicht mehr zu denken 
sei. Die mir vorliegenden, allerdings nicht fachmännischen 
1 Lichtheim, Über Aphasie, in Deutsch. Arch. f. klin. Med. Bd. 36. 1885. 
2 Oppenheim, 1. c. S. 354 (No. 3). 
3 Oppenheim, 1. c. XVII. S. 9.
        

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