Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bedeutung der Aphasie für die Musikvorstellung
Person:
Wallaschek, Richard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15229/18/
Die Bedeutung der Aphasie für die Musikvorstettung. 
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werden, dais von dieser Gruppe jene Fälle noch zu unter¬ 
scheiden sind, in denen uns allen, ob wir nun zu diesem Typus 
gehören oder nicht, die Trennung des Wortes von der Melodie 
in einem bekannten Liede schwer wird. 
Bodehstedt erzählt in seiner „Tausend und Ein Tag im 
Orient“ :1 „Ich liefs des Morgens ein paar Hauptsänger zu mir 
kommen, um mir einige von den Liedern, welche mich am 
meisten angesprochen hatten, diktieren zu lassen; es war 
jedoch unmöglich, die Kerle dahin zu bringen, mir ein Lied 
Wort für Wort herzusagen.....Ich gab ihnen zu verstehen, 
dafs mir für den Augenblick am Gesänge nichts gelegen sei, sie 
sollten die Lieder Wort für Wort hersagen. Sie versuchten 
nach Kräften, meinem Wunsche Folge zu leisten, aber es war 
ihnen unmöglich, auf diese Weise einen Vers herauszubringen. 
Herr, hub endlich der eine an, .... solche Sachen kann man 
nicht hersagen, die müssen gesungen werden. So war ich denn 
genötigt, mir jedes Lied erst achtmal vorsummen zu lassen, 
ehe es mir gelang, den Inhalt desselben zu Papier zu bringen.“ 
Ob in diesem Beispiele ein Sprach-Musik-Typus vorliege oder 
nicht, ist ohne weiteres nicht zu entscheiden. Jeder Musiker 
hat Lieder, bei denen er die Worte nur automatisch, zur 
Artikulation gebraucht; ein bewufstes, selbständiges Hersagen 
des Textes ohne Musik ist ihm dann nicht ohne weiteres 
möglich. 
3. So wie es bei der Wortvorstellung einen type auditif 
giebt, der sich mit dem blofsen Klangbilde des Wortes begnügt, 
so giebt es auch in der Musik einen Typus, der Musik als 
Klang vorstellt. Natürlich ist das vom musikalisch-künstlerischen 
Standpunkt aus ein inferiorer Typus, von dem man sagen 
könnte, dafs er statt der Musikvorstellung nur eine blofse 
Tonvorstellung besitzt. Sehr gut beschreibt Grillparzer diesen 
Zustand in seiner Novelle „Der Spielmann“, wo ein Geiger 
sich damit begnügt, auf seiner Geige einzelne Intervalle oder 
Accorde lange auszuhalten und sich an solchen Einzelklängen 
zu erfreuen; zu einer zusammenhängenden Komposition kommt 
er gar nicht. Solche Leute können einer ganzen Komposition 
gegenüber völlig ratlos dastehen, aber sie greifen einzelne 
Accorde, einzelne Klänge und harmonische Wendungen heraus, 
Sämtliche Werke Ed. 3, Berlin 1865, 48 Kap. S. 121.
        

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