Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Chatelain: Das Irresein, Plaudereien über die Geistesstörungen. Neuchatel, 1891
Person:
Umpfenbach
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15223/2/
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IÀtteraturbericht. 
Thätigkeit abgiebt. Das Neugeborene bat noch keine Vorstellungen, 
weil bei ihm die Empfindungen noch nicht bewufst werden. Dies 
geschieht erst später mit Hülfe des Gedächtnisses. Die Vorstellung bleibt 
weiterhin nicht allein (Assoziation der Ideen). Der Verstand nimmt also 
die Empfindungen auf, die durch das Bewufstsein und die Aufmerksamkeit 
in Vorstellungen verwandelt werden, welche wieder der Verstand mit 
anderen Vorstellungen vergleicht (Gedächtnis, Ideenverbindung); er sucht 
Beziehungen zwischen sich und der Aufsenwelt etc., er ordnet, sichtet, 
verknüpft etc., — kurz, es kommt zum Raisonnement, Vernunftschlufs. 
Eür dessen Zustandekommen ist es aber notwendig, dafs die Bildung 
der Vorstellungen geordnet geschieht, d. h. weder zu langsam, noch 
überstürzt ist. — Vorstellungen und Empfindungen können ferner von 
Schmerz, oder Behagen begleitet sein, welche wiederum die Stimmung 
des Menschen ausmachen, die gänzlich von den Vorstellungen abhängig 
ist. Zu den Gefühlen gehört nach Ch. auch der Sinn für Moral. Der 
Verstand giebt dem Willen das Leben, der sich zur Vorstellung verhält, 
wie die Bewegung zur Empfindung. Der Wille ist das bewegende Element 
des Geistes, er setzt in die That um, was jener uns lehrt. Jedoch kann 
er sich auch für das Nichtthun entscheiden (sittliche Freiheit). Ch. 
erwähnt dann kurz Heisroths Ansicht, dafs Irresein, Seelenkrankheit 
und Sünde identisch sind, — Idelees Erklärung, dafs Irresein eine zum 
Übermafs gesteigerte Leidenschaft, und Leurets Ausspruch : Der Irre ist 
ein Mensch, der sich irrt. Alle drei sind Spiritualisten und leugnen, dafs 
das Irresein eine körperliche Erkrankung ist, dafs das Irresein auf einer 
organischen Erkrankung des Gehirns beruht. Ch. schliefst sich denen 
an, die behaupten, dafs das Irresein stets an eine materielle Veränderung 
des Gehirns geknüpft ist, die man freilich nicht immer nachweisen kann, 
einmal, weil die anatomischen Untersuchungsmethoden noch zu mangelhaft 
sind, vor allem, weil die Chemie des Gehirns noch zu wenig ausgebildet 
ist. — Die zweite Hälfte des Buches handelt von den Ursachen und den 
allgemeinen Erscheinungen des Irreseins, den einzelnen Krankheitsformen, 
Diagnose etc. Näher auf diesen Teil des Buches einzugehen, liegt 
aufserhalb des Rahmens dieser Zeitschrift. Die Lektüre der Plaudereien 
ist allen zu empfehlen, es bietet des Anregenden eine grofse Fülle. 
„Verbindet es doch — sagt Krafft-Ebing im Vorwort zur deutschen 
Ausgabe — mit dem eleganten, man möchte sagen, feuilletonistischen 
Stil des französischen Schriftstellers das tiefe Wissen deutscher 
Gelehrsamkeit in selten glücklicher Weise!“ Umpfenbach (Bonn).
        

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