Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Fr. Courmont: Le cervelet et ses fonctions, Ouvrage couronné par l'Académie des Sciences. Paris, Alcan 1891
Person:
Fraenkel
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15202/1/
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Litteraturbericht. 
Subjekt einander gegenüberstellend, die Frage zu lösen, wie es komme, 
dass diese miteinander irgendwie übereinstimmen? Der vermeintlichen 
Lösung, welche ihm die „Entwickelungsgeschichte“ des Geistes dä'rzu- 
bieten scheine, liege das Mifsverständnis zu Grunde, ein logisches 
Problem durch eine psychologische oder sogar biologische Antwort 
lösen zu wollen. Alle Erkenntnistheorien gleich der SpENCERSchen 
müfsten sich in dem fruchtlosen Streben verzehren, rein subjektive Zu¬ 
stände zu einer objektiven Realität verdichten zu wollen. Der weitere 
Grundfehler der SpENCERSchen Auffassung liege darin, dafs sie zu 
mechanisch sei, er stelle überall, so auch in „seinem aufgeklärten 
Realismus“, die psychische Thätigkeit in den Hintergrund. Er verkenne 
die wichtige Rolle, die der Wille, den er überhaupt in seiner Psychologie 
vernachlässige, in der geistigen Entwickelung spiele. Den Schlufs des 
Aufsatzes bildet eine scharfe Kritik der Lehre „vom Unerkennbaren“, 
gleich Kants „Ding an sich“ ein vergeblicher Versuch, die fundamentalen 
inneren Widersprüche seiner Erkenntnistheorie zu verdecken. 
Gacpp (London). 
Fr. Courmont. Le cervelet et ses fonctions. Ouvrage couronné par 
VAcadémie des Sciences. Paris, Alcan. 1891. 600 S. 
Merkwürdigerweise erscheint auf dem litterarischen Markte, fast 
gleichzeitig mit der schwerwiegenden Arbeit Lucianis, eine franzö¬ 
sische Waare, die dem italienischen Physiologen seine acht Jahre 
lang unausgesetzt fortgesetzten Experimente und Forschungen über das 
Kleinhirn hätte ersparen können. Mr. C. zerreifst den jungfräulichen 
Schleier, der das Geheimnis des Cerebellum bis jetzt verhüllt hat, mit 
einem kühnen Rucke. Die Duplizität des anatomischen Baues und der 
Funktion der Nervenachse giebt ihm das Schema für die fragliche Be¬ 
deutung der grofsen Hirnmassen, die äufserlich einander so ähnlich 
seien, dafs das Kleinhirn sozusagen nur ein detachiertes Fort des 
Grofshirns bildet. Das vordere System der Nervenachse — Grofshirn 
und vorderes Rückenmark — dient der Bewegung, das hintere System — 
hinteres Rückenmark und Kleinhirn — der Wahrnehmung sensitiver 
Eindrücke, das Grofshirn der Intelligenz, das Kleinhirn dem Gemüt. 
Damit Punktum ! — Wozu bedarf es noch weiterer mühsamer Unter¬ 
suchungen, da unzählige Beweise dafür in der medizinischen Litteratur 
vorliegen? Doch! Verfasser hat auch experimentiert, und zwar an 
Ratten. Die Ratte, ein anerkannt gemütvolles Tier (craintif, impressio- 
nable-émotif) bestätigt ihm seine These, dafs das Kleinhirn der Sitz 
des Gemütes ist, denn das Tier wurde nach Abtragung des Organes — 
apathisch. Nebenbei gesagt, ist das betreffende Kapitel das amüsan¬ 
teste des ganzen 600 Seiten starken Bandes. Das Merkwürdigste an dem 
Buche ist aber, abgesehen von der ungemeinen Belesenheit des Ver¬ 
fassers und der verblüffenden Sicherheit, mit der er davon Gebrauch 
macht, — dafs die Académie des Sciences daraufhin ihm den prix Möge 
zuerkannt hat. Fraenkel. .
        

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