Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe, Erster Band, Berlin, Hertz, 1892
Person:
Tönnies, F.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15197/8/
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iÀttera turbericht. 
seiner Theorie Einflufs auf seine Praxis gewährt, so wird man diese von 
Grund aus verändern müssen. Man wird seinem Lobe und Tadel, Be¬ 
lohnungen und Strafen zweckmäfsigere und edlere Gestalt verleihen, 
indem man sie der Idee der Hülfe unterordnet, mithin den Zorn und 
die Bewunderung daraus verbannt, hingegen mit aller Leidenschaft, ja 
meinethalben mit schonungslosem Hasse die Ursachen der Übel aus¬ 
zurotten, mit Begeisterung die Ursachen des Guten zu hegen und zu 
fördern beflissen ist. Dieser Zorn kann auch Menschen treffen, er ist 
aber an die Voraussetzung der Verantwortlichkeit nicht mehr gebunden, 
er braucht diese Ehre so- wenig den schlauesten Schuften als Deliranten 
zu gewähren, sondern vertilgt das Unkraut, weil es Unkraut ist und das 
Wachstum des Weizens hemmt. Hier wird nicht mehr gestraft, weil 
einer freiwillig gefehlt hat und man meint, dafs er seinen Willen anders 
hätte bestimmen können und sollen, sondern es wird einer unschädlich 
gemacht, weil er eben nicht anders konnte und nicht anders kann, als 
schädlich sein und Unheil anrichten. — Durch diese beiden überwälti¬ 
genden Gesichtspunkte (1. Hülfe, 2. Unschädlichmachung) ist die gegen¬ 
wärtige Krisis des Strafrechts bestimmt, welche dahin führen sollte, 
dieses Hecht (soweit es nicht auf Privatrecht zurückgeführt werden 
kann) allmählich in ein gröfseres Quantum von Psychiatrie und in ein 
kleineres von Polizei auseinandergehen zu lassen. — Um aber auf vor¬ 
liegendes Werk, als unser Thema, zurückzukommen, so erwarte ich, dafs 
mehrere der leitenden Ideen erst im zweiten Bande ihre Vollendung und 
volle Erklärung finden werden. Mit Bezug auf das vierte Kapitel, in 
dem vielleicht noch mehr, als in den früheren, sinnreiche Betrachtungen 
enthalten sind, will ich nur diese Frage erheben. Das schliefsliche Er- 
gebnifs: die beiden Begriffe (Tugend und Glückseligkeit) seien zu um¬ 
fassend, nach Inhalt und Umfang zu unbestimmt (v. s.) — konnte es 
nicht vorausgeschickt, konnte es nicht als bekannt vorausgesetzt werden ? 
— sind wir nicht gerade, im Gegensätze zu den „Alten“ und ihren 
neueren Imitatoren, darüber einig, dafs aus Zergliederungen solcher Begriffe 
nicht viele Belehrung gewonnen werden kann? E. Tönnies (Kiel).
        

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