Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe, Erster Band, Berlin, Hertz, 1892
Person:
Tönnies, F.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15197/7/
Litteraturberieht. 
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die ein sittliches Verdienst sein soll. Ob dies logisch sei, stehe dahin. 
Dafs aber damit objektiv mehr gesagt wird als : im einen Falle ist der 
,gute‘, im anderen der ,schlechte1 Antrieb stärker, mufs ich leugnen. 
Und warum der gute besser, der schlechte schlechter werde durch den 
Kontrast des besiegten Gegners, gewahre ich nicht, wenn auch ein solcher 
Schein die Wirkung jedes Kontrastes ist. Und in der That würde ein 
Motiv wie jede Kraft nicht besser gemessen werden können, als an 
dem Widerstande, den es überwindet, wenn es nur überhaupt mefsbar 
wäre. In grober Weise ausgeführt, liegen solche Messungen den täglichen 
Urteilen und auch gerichtlichen Urteilen zu Grunde, hier ist aber keines¬ 
wegs blofs Bezwingung eines schlechten1 Motivs, was die Güte sichtbar 
macht, sondern irgendwelchen Motivs. Ebenso die Schlechtigkeit. Wenn 
Wollust siegt über Furcht vor Strafe, so ist diese darum kein guter 
Antrieb, geschweige denn verdienstlich. Was wir lieben, wenn wir es er¬ 
kennen, ist die Güte als solche und andere gute Eigenschaften, wozu auch 
die Willensstärke gezählt wird, zumal wenn sie in der Herrschaft über böse 
Begierden sich bethätigt; während sie auch bei Schurken „bewunderungs¬ 
würdig“ sein mag. So ist, was wir hassen, die Bosheit als solche und andere 
schlimme Eigenschaften, wozu auch die Willensschwäche gehören mag, 
zumal wenn sie in der Ohnmacht gegen eigene lasterhafte Neigungen 
und Gewohnheiten offenbar wird, während sie auch bei Guten bemerkt 
und bedauert werden kann. Der wissenschaftliche Moralist mag ja, wie 
andere Leute auch, die guten Eigenschaften, Grundsätze und was weifs 
ich, aufser dafs er sie darstellt und erklärt, auch loben und preisen und 
sie in die Form von Geboten bringen (du sollst etc.) ; er mag zumal und 
folglich die damit angethanen und gut handelnden Menschen durch seinen 
Beifall auszeichnen — die Bösen tadeln, verdammen u. s. w. Nur täusche 
er sich nicht, dafs er hiermit aus der Bolle des Theoretikers herausfällt 
und wie in einer Parabase seine Zuhörer anredet. Niemals und nirgends 
aber kommt es vor, aufser in überspannten religiösen Darstellungen und 
in der hier vorliegenden moralphilosophischen Spekulation, dafs Verdienst 
und Schuld in guten und bösen Antrieben gefunden wird, sondern 
beide Begriffe werden auf ein am liebsten qualitätlos gedachtes Ich 
bezogen, das die Schuld auf sich geladen, das Verdienst sich erworben 
habe. Lob und Tadel, Lohn und Strafe sehen ab von der Verursachung 
(besonders freilich die negativen Äufserungen) ; erst infolge davon wird 
sie in der freien Willens-Doktrin geleugnet, was allerdings notwendig 
ist, um diejenige Begründung (von Lob, Tadel etc.) zu retten, welche 
diese unvermeidliche Praxis fordert; da sie nämlich sich an das Subjekt 
halten und bei ihm verweilen will, um etwas an ihm zu thun — und 
das Thun verschlingt immer die Betrachtung. Die eigentliche kritische 
Frage dagegen ist nicht, ob man ein relativ qualitätloses Ich gelten läfst, 
sondern ob dieses Ich eine unendliche und eben darum bei allen gleiche 
Kraft enthalte (was gemeint wird, ob es gleich unausdenkbar ist) und 
ob die gröfsere Kraft sich aus sich selbst erzeugt oder wie alle Kräfte 
ihr Mehr von einer anderen Kraft bezieht. Wenn man dies bejaht, jenes 
verneint, so kann man das denkende, vernünftige Ich wohl gelten lassen 
und wird es in richtigem Verstände gelten lassen müssen, aber sofern man
        

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