Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe, Erster Band, Berlin, Hertz, 1892
Person:
Tönnies, F.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15197/6/
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Utteraturbericht. 
grifflichen, aber vorzugsweise mit psych olo gisch en Analysen zu thun, 
von denen die meisten durch Sorgfalt, Schärfe, Lebhaftigkeit ausgezeichnet 
sind. Von den vielen zutreffenden und bemerkenswerten Gedanken, die 
in einzelnen auftreten, konnte hier kaum eine Vorstellung gegeben werden. 
Wir müssen uns an die Grundzüge halten. Was nun einer daran und 
an der Methode des Verfassers schätzen möge, wird davon abhängen, 
wie er selber etwa über diese und ähnliche Gegenstände gedacht hat, 
zu denken gewohnt ist, und wieviel er folglich sich davon assimilieren 
kann; in welcher Hinsicht ich mich persönlich als nicht wohl vorbereitet 
bekennen mufs. Weder an den Begriffen des Sollens, noch an Egoismus 
und Altruismus ist mir anders gelegen, als dafs sie, gehörig definiert, für 
Wissenschaft von Thatsachen fruchtbar gemacht werden. Und diese 
Behandlung als möglicher Elemente eines begrifflichen Systems mufs 
strenger, wie ich meine, als hier geschehen, von jeder Untersuchung ihrer 
wirklichen Geltung, sei es in populärem oder litterarischem Sprach¬ 
gebrauch, wie auch ihres psychologischen Ursprunges und Inhaltes 
unterschieden werden. Der Verfasser nennt sein Verfahren ein teilweise 
spekulatives (pag. IV). Dies ist eine gefährliche Bezeichnung. Die 
Erörterungen über das Sollen und mehrere in den anderen Kapiteln 
scheinen mir allerdings zu jenen Spekulationen zu gehören, die zwar 
dem, der sie denkt oder mitdenkt, förderlich sein mögen, für die 
Erkenntnis der wahren Zusammenhänge aber so wenig Gutes bedeuten, 
wie die Spekulationen der Börse für den Volkswohlstand. Ja, wenn es 
sich um Definitionen handelte, und der Verfasser erklärte, ein so viel¬ 
deutiges Wort nur in einem bestimmt umschriebenen Sinne anwenden 
zu wollen. Dergleichen läfst aber nichts aus diesen Subtilitäten sich 
herausklauben. 
Die Begriffe ,Verdienst1 und ,Schuld' scheint mir der Verfasser trotz 
seiner kritischen Akribie ziemlich unbesehen aufzunehmen, und gerade 
hier, wo seine Argumentationen vielleicht am gewandtesten sich bewegen, 
scheinen sie mir auf den schwächsten Füfsen zu stehen. Eine Unter¬ 
suchung des Thatbestandes, wie über V erdienst und Schuld gedacht 
worden ist, gedacht zu werden pflegt, und warum so, würde ich als 
belangreich annehmen und begleiten. Dazu sind aber nur einige Ansätze 
vorhanden. Bei rein wissenschaftlicher Ansicht der menschlichen Hand¬ 
lungen selbst kann ich diesen Begriffen keine Gültigkeit belassen. Der 
Mensch ist nicht verantwortlich, sondern er wird verantwortlich ge¬ 
macht, und dieses Machen ist nicht des Philosophen Sache; Verdienst 
wird ihm ,beigemessen1, Schuld wird ihm ,gegeben1, seine Thaten 
werden ihm ,zugerechnet1 — das alles leiste, wer zum Richter berufen 
ist oder dazu sich berufen fühlt. — Wissenschaftliche Psychologie und 
Ethik hat hingegen zwar alle Ursache, die Einheit des Menschen zu 
behaupten, daher den einzelnen Menschen als Urheber seiner Handlungen, 
mit gröfserer oder geringerer Klarheit Wissenden und Wollenden zu 
betrachten. Wie man aber das Ich auflösen und zugleich von Verdienst 
und Schuld als von Thatsachen sprechen kann, verstehe ich nicht; und 
dies thut der Verfasser, wie mir scheint. Verdienst setzt nach ihm Ver¬ 
suchung voraus, die Schuld bedeutet; Schuld Versuchung zum Guten
        

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