Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe, Erster Band, Berlin, Hertz, 1892
Person:
Tönnies, F.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15197/4/
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Litteraturbericht. 
voraussetzt, stellt den Parallelism wieder her (260 ff A Wie Versuchung 
als Schuld, so sind die guten Antriebe, wenn auch der Ungehorsam 
gegen sie die Schuld erhöht, doch als Verdienst zu schätzen ; die zu¬ 
zurechnende Sittlichkeit ist ein Prozefs (268). Drei typische Erkenntnis- 
fehler hat der Begriff des Charakters ; als Urgrund psychischer Erschei¬ 
nungen gedacht, ist er eine blofse Illusion (275). Obgleich das Bewufstsein 
oft in einem unklaren Zwischenzustande zwischen Verdienst und Schuld 
bleibt (280), so ist doch der Mensch als Charakter nur eine Summe von 
Handlungen (282). Auch der Gedanke, dafs die Sittlichkeit in uns als 
Ganzes mit der Unsittlichkeit in uns kämpfe, ist nur ein abstrakter 
und bildlicher Ausdruck (285). - Der Begriff Freiheit steht in einem 
Descendenzverhältnis zu Verdienst und Schuld (286). Es handelt sich 
um Befreiung von feindlichen Motiven überhaupt, darum ist Freiheit 
nicht identisch mit Sittlichkeit (289 ff.). — IV. „Die Glückseligkeit,“ Der 
Satz, dafs Glücksmehrung das wirkliche Motiv alles Handelns sei, ist 
vom ethischen Eudämonismus zu unterscheiden (296). Der ,thatsächliche‘ 
Eudämonismus besitzt nicht absolute Herrschaft, sondern nur einen 
relativen Bezirk, indem er einen durch die psychologischen Verhältnisse 
näher rückenden Endpunkt der Entwickelung unseres Handelns bedeutet 
(311). Auch wenn im anderen Sinne richtig, käme er nur darauf hinaus, 
die aus Erfahrung erkannten Ziele als Glück zu bezeichnen (312). Ethischer 
Eudämonismus ist wiederum zu unterscheiden, ob er behauptet wird als 
Prinzip der wirklichen Moral, wofür kein Beweis erbringbar ist (316), 
oder der idealen Moral. Diese kann nur hypothetische Imperative, keine 
absoluten, die dem Wollen angehören, aufstellen (323). Das utilitarisclie 
Prinzip hat seine Bedenken hinsichtlich der Qualität wie der Verteilung 
des Glückes (325 ff.). Sie können sich beeinträchtigen ; möglich ist sogar, 
dafs die gröfsere Summe zunehmende Ungleichmäfsigkeit voraussetze (334). 
Ausgleichung der Glückslagen würde gegen Glück überhaupt abstumpfen, 
daher Sozialismus nur als regulatives Prinzip anerkennbar ist (341). Nur 
mit einem pessimistischen (negativen) Eudämonismus läfst er als absolutes 
Ideal sich vereinigen (343). Übrigens steht die Antinomie zwischen 
Gleichheit und Empfänglichkeit dem Erfolge jeder Verteilung der Güter 
entgegen (345). Ferner fällt die psychologische Thatsache gegen jede 
Berechnung einer eudämonistischen Summe schwer ins Gewicht: dafs 
auch die absolute Gröfse ihrer Faktoren einen wirklichen Wert des 
Lebens ausmacht (362). Hierauf beruht das Ideal der Differenzierung, 
des Individualismus, Aristokratismus, des Kulturfortschritts, das der 
Gleichheit und dem Sozialismus sich entgegenstellt (365). Zwischen und 
über beide läfst eine denkbare Kontinuität der Glückslagen sich stellen, 
obgleich auch dieses Ideal formale und materielle (Negierung parteilicher 
Gegensätze überhaupt) Schwierigkeiten hat (371). — Viel läfst sich geltend 
machen für ein Moralprinzip der gröfstmöglichen ,Thätigkeit‘, das nur in 
scheinbarem Widerspruch steht mit dem Trachten nach Kraftersparnis, 
welcher insbesondere das Denken dient (37 6) ; sie ist auch Mittel der 
Gattungsentwickelung (378), welche doch zugleich Thätigkeit vermehrt (382). 
Die Begriffe Thätigkeitssteigerung und Sittlichkeit stehen in einer not¬ 
wendigen Verbindung (385). Dies rechtfertigt auch den Wert der für
        

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