Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe, Erster Band, Berlin, Hertz, 1892
Person:
Tönnies, F.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15197/3/
Litteraturbericht. 
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zugleich als Zweck betrachten solle (134 f.). Auch der Gegensatz zur 
Sittlichkeit ergiebt keinen Inhalt für den Egoismus: wir thun vieles 
rein Sittliche in Bezug auf andere, wovon wir entschieden nicht möchten, 
dafs es uns geschehe. Das sonst durchführbare Moralprinzip: Erfüllung 
eines Maximums von Willen überhaupt, würde durch den Pessimismus 
aufgehoben werden (145). — Indem das Gewollte Mittel zum Zweck wird, 
schlägt Egoismus in Altruismus um; derselbe Vorgang entspringt aus 
der Beurteilung anderer, die sich in uns reflektiert (148). Das „sachliche 
Interesse“ kann über das egoistische wie über das altruistische gleich- 
mäfsig hinausführen (152). So giebt es unzählige Fälle der Mischung 
und des Überganges zwischen beiden; die einzelne That beruht im 
Ganzen der Persönlichkeit (157). Der engere soziale Kreis ist sowohl 
Objekt meines Altruismus wie meines Egoismus (162). Die vielen Teile 
des Ich in ihrem Verhältnisse zu ihm sind höchst mannigfach, worüber 
die Gleichheit des Possessivpronomens leicht hinwegtäuscht (171). — 
Grad sittlicher Kultur: das Mafs, in dem die äufseren Verpflichtungen 
die psychologische Form einer Pflicht gegen uns selbst annehmen (175). 
Der Egoist ist eine sittliche Gemeinschaft im Kleinen (180). Demnach 
wird die Pflicht gegen uns selbst immer nur als sachlicher oder psycho¬ 
logischer Umweg der Pflicht gegen die Gesamtheit erscheinen (182). 
Dies gilt von der Selbsterhaltung, weshalb auch das Verbot des Selbst¬ 
mordes kein absolutes sein darf (1S7); gilt von der Ehre: der Ehrenkodex 
ist eine zweckmäfsige Ergänzung des Kriminalkodex (192). In einem 
engern Sinne wird die Ehre genommen in Bezug auf die Frau; aber 
Verlust der ,weiblichen1 Ehre gilt als Verlust der Ehre dieses Weibes 
schlechthin. Dies hat z. T. nur Grund in der Wortgleichheit, aber doch 
auch in der Thatsache, dafs das Wesen der Frau viel einheitlicher ist 
als das des Mannes (197 f.). In Wahrheit sind sogar die Gründe für das 
Urteil über Prostitution sehr mannigfacher Natur (208). — III. „Sittliches 
Verdienst und sittliche Schuld.“ Verdienst setzt Kampf gegen die Ver¬ 
suchung voraus (215). Aufopferung entspringt nicht nur aus Liebe, 
sondern bringt auch Liebe hervor (219). Was nur Mittel war, gewinnt 
dann selbständigen Wert : so in der Askese Schmerz und Überwindung 
(222 ff.). Dafs aber umgekehrt gerade die leicht vollbrachte Sittlichkeit 
höher geschätzt wird, ist der Bewunderung vergleichbar, die ein Virtuose 
erregt : die Mühen liegen hinter ihm. Auch beruht es auf sozialer Prophylaxis 
(230). Die Schätzung der Gesinnung mufs auf diejenige der einzelnen 
Thaten zurückgeführt werden, obgleich historisch eine völlige Ver¬ 
schiebung stattgefunden hat, die als Begriffsrealismus sich darstellt (233 f.). 
1— Wie können ,Gefühle1 sittlich gefordert werden? Weil sie von Thaten 
die Folgen sind, ebenso wie Thaten selber (238). Gewöhnlich identifizieren 
wir das eigentliche Ich mit dem guten Prinzip, und entschuldigen sein 
Unterliegen . durch die , Stärke der ,Versuchung“ (246). Diese aber ist 
schon ein eigener Anfang der That selber, hat also Anteil an der Schuld 
(247); wie die Verdienstlichkeit da beginnt, wo überhaupt Überwindung 
unsittlicher Triebfedern durch sittliche festzustellen ist (259). Nicht 
jede Pflichterfüllung enthält Verdienst, aber jede Pflichtvergessenheit 
Schuld; der Umstand aber, dafs diese Bewufstsein der Verpflichtung
        

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