Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe, Erster Band, Berlin, Hertz, 1892
Person:
Tönnies, F.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15197/2/
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Litteraturberichl. 
Das Sollen bedeutet daher vielleicht nur die gefühlten Triebe in uns, 
die nicht auf Egoismus zurückführbar sind (30), daher die Empfindung 
auch auf Grund blofser Gewohnheiten nicht-sozialer Natur eintritt. Kein 
Thun kann sich der Beurteilung an einem Sollen entziehen (35) ; die 
Vorstellung ist irrig, das sittliche Sollen müsse eine Einschränkung zu 
Gunsten anderer Forderungen erfahren (42) ; dafs das Sollen ein absolutes 
ist, ist ein identischer Satz (44). Viele Moralprinzipien sind tautologisch, 
denn das höchste Sollen ist an und für sich inhaltlos (53). Seinen 
Ursprung nimmt das Sollen sehr oft aus einem Müssen, das seinerseits 
immer ein zweckmäfsiges Wollen ist (57). Der Wille pafst sich an das 
Müssen derart an, dafs der Zwang überflüssig wird (58); für die mensch¬ 
liche Natur geht allmählich Macht in ßecht, d. h. Müssen in Sollen über (60), 
und wenn jenes schon fast immer, so ist dieses vollends eigentlich ein 
Wollen; wo eine Diskrepanz vorliegt, da bezeichnet das Sollen in der 
Kegel wohl den Willen der Gattung etc., der doch zugleich unser eigner 
ist. Auch der Zwang, der von äufseren Verhältnissen ausgeht, verinner¬ 
licht sich häufig zur Pflicht (63). In der Sitte zieht das Sollen seinen 
Inhalt durchaus aus dem Sein, und auch sonst gilt im allgemeinen das 
Gute als das Selbstverständliche (65. 75). Das Verhältnis ist aber auch 
oft das umgekehrte; das Ideal entspricht der Variabilität, wie die Geltung 
des Überlieferten der Vererbung (83). — II. „Egoismus und Altruismus.“ 
Ist jener der ,natürlichere' Trieb? er ist weiter verbreitet; in Wahrheit 
freilich ist es weit schwieriger, als es scheint, das quantitative Verhältnis 
festzustellen. Immerhin behält das Egoismus-Prinzip den Vorzug des 
rational Einleuchtenden (91)... Sodann ist der Egoismus, nach allgemeiner 
Annahme, zeitlich früher. Auch darüber kann gestritten werden, jeden¬ 
falls ist aber das Frühere nicht ,natürlicher“ (94). Der vorgeblich natür¬ 
liche Charakter des Egoismus hat seine Beurteilung zum Teil in entgegen¬ 
gesetzter Weise bestimmt, wreil eben das Natürliche bald schlecht, bald 
gut erscheint (95 if.). Wenn Sittlichkeit auf ,Vernunft, zurückgeführt 
wird, so ist auch dies nur ein anderer Ausdruck für ihre Wertschätzung; 
an und für sich ist nicht einzusehen, wieso ein egoistisches Leben 
unvernünftiger sei, als ein sittliches (101). So gilt denn auch bald die 
Sinnlichkeit als Gegenstand der Selbstsucht, bald ihr Gegenteil als das 
eigentliche Ich (103). Wäre der Egoismus die einfachste Erklärung des 
Handelns, so wäre er darum nicht die richtige (106). Auch ist ihm die 
DARwiNsche Lehre nicht ohne weiteres günstig. Sobald eine gesellschaft¬ 
liche Gruppe als Einheit wirkt, so ist der Individualegoismus als alleiniges 
Vehikel der Kassenmischung enttront (113). Übrigens würde aber die 
Annahme des Egoismus als letzten ethischen Prinzips der Unterstützung 
durch den Beweis, dafs er das geeignetste Mittel für die Wohlfahrt der 
Gesamtheit sei, nicht bedürfen (119). Das Sollen in den Egoismus zu 
verlegen, ist Sache starker, das Umgekehrte schwächlicher Naturen (124). 
Der Altruismus läfst einen entsprechenden Unterschied zu (125). Auch 
der praktische Solipsismus würde den Wertunterschied von Handlungen 
gar nicht berühren; ebensowenig die Umkehrung: Alleinheitslehre (129). 
Unklarheit umgiebt den Begriff des Ich, mithin auch den des Egoisten 
und ebenso ist das Moralprinzip leer, dafs man den ,Menschen“ immer
        

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