Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe, Erster Band, Berlin, Hertz, 1892
Person:
Tönnies, F.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15197/1/
Litteraturbericht. 
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werden (entsprechend einer funktionellen Schädigung der Bahn zu L.s 
Begriffszentrum) ; im dritten Stadium endlich wurden sie nicht mehr 
automatisch, sondern in Frageform wiederholt, also zwar nicht begriffen, 
aber als Worte aufgefafst („Funktionsherabsetzung des Begriffszentrums“). 
Indes zeigte sich vielmals kein stetig aufsteigender G-ang, sondern 
ein Schwanken, so dafs P. die Hypothese einer wellenförmig verlaufenden 
Be-Evolution in Erwägung zieht. 
Das Zahlenverständnis zeigte sich bei sonst noch vorhandener 
Asymbolie auffallend gut erhalten. 
Die gleichzeitig mit Rückkehr des Sprachverständnisses eintretende 
Wiederherstellung des Gesichtsfeldes zur Norm („Be-Evolution der Funk¬ 
tionen des Hinterhauptslappens“) belegt P. durch eine Anzahl von Ge¬ 
sichtsfeldaufnahmen. 
P. sieht das Hauptergebnis seiner Beobachtungen in der Sicherung 
der These, dafs die Be-Evolution in regelmäfsiger Weise verläuft. 
Liepmann. 
Georg Simmel. Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der 
ethischen Grundbegriffe. In 2 Bänden. Erster Band. Berlin, Hertz, 
1892. 467 S. M. 9.—. 
Die Absicht geht dahin, den höchst komplizierten und vielseitigen 
Charakter der ethischen Grundbegriffe und ferner den „Begriffsrealismus“, 
mit dem man sie aus nachträglichen Abstraktionen zu wirkenden psychi¬ 
schen Kräften gemacht habe, aufzuzeigen; darzuthun, dafs die Unsicherheit 
in Sinn und Begrenzung dieser Begriffe ihre Verknüpfung zu ganz ent¬ 
gegengesetzten und scheinbar gleich beweisbaren Prinzipien gestatte; 
endlich auf die Schichtung belastender und entlastender Momente hin¬ 
zuweisen, die eine einzelne That in der Verzweigtheit ihrer psychologischen 
Vorbedingungen ebenso wie in der ihrer sozialen Folgen finde. — Diese 
Bestimmungen scheinen sich auf das ganze Werk zu beziehen, müssen 
aber insgesamt auch schon in diesem ersten Bande gesucht werden. 
Vier Kapitel liegen-vor: I. „Das Sollen“ ist eine Kategorie, die, zu der 
sachlichen Bedeutung der Vorstellung hinzutretend, ihr eine bestimmte 
Stelle für die Praxis anweist, wie sie eine solche auch durch die Begleit¬ 
vorstellung des Seins, des Nichtseins, des Gewolltwerdens u. s. w. erhält (8); 
es giebt keine Definition des Sollens ; es ist ein Denkmodus wie das 
Futurum und das Präteritum, oder wie der Konjunktiv und der Optativ ; 
durch die Form des Imperativs hat die Sprache diesem Verhalten Ausdruck 
gegeben (9). Das Sollen ist unerklärlich, es ist immer nur aus einem anderen 
ableitbar, es ist mit dem Begriff des Sittlichen identisch, die Frage daher 
sinnlos, weshalb wir sittlich sein sollen (16). Dem praktischen Moral- 
bewufstsein reifst die Kette der Gründe noch früher ab; die Unerklärtheit 
trägt zur Würde und psychologischen Kraft des Sollens erheblich bei (18). 
Verstehen könnten wir es nur auf Grund egoistischer Motive ; auch dies 
Verstehen ist aber nur ein scheinbares; wäre Altruismus die Begel, so 
würde Egoismus aus ihm erklärt werden oder unergründlich scheinen.
        

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