Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Guicciardi: Gli Idioti. Riv. di Freniatr., Vol. XVII, F.1 u. 2, 1891, S.172-189
Person:
Fraenkel
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15149/2/
Litteraturberichi. 
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Im Anschlufs an Preyers Beobachtung der Kindesseele im Alter 
von einigen Tagen bis Monaten bis zum dritten Jahre und darüber 
hinaus untersucht Verfasser die psychischen Fähigkeiten des Idioten, 
sein Sinnesvermögen, seine Intelligenz und seinen Willen. 
1. Bei den hochgradigen Idioten ist der Blick starr und unsicher, 
8% sind überhaupt blind. Die Lidspalte ist verengt (Tamburtni und 
Morselli). Die meisten sind hypermetropisch. Nur die mittleren Grades 
unterscheiden Farben, oft mangelhaft. Eigentlich farbenblind sind 
jedoch nur wenige. — Taubstummheit ist seltener als Blindheit. 
Partielle und scheinbare Taubheit aus Unachtsamkeit kommt oft vor. 
Der Geschmackssinn ist häufig verkehrt. Vorliebe für Ekelhaftes, 
Bitteres und für Alkoholika schon im Kindesalter vorhanden, Gefräfsigkeit 
allgemein. Geruchssinn meist stumpf, in Ausnahmsfällen übertrieben 
fein (Seguin). Tastsinn im allgemeinen stumpf; bei hochgradiger 
Idiotie Anästhesie und Analgesie. Auch bei Idiotie geringeren Grades 
ist der Temperatursinn wenig entwickelt. Bei kalter Witterung verfallen 
manche Idioten in Torpor wie die winterschlafenden Tiere. Gemein¬ 
gefühl stumpf. Selten fehlen zwar Hunger und Durst, dagegen häufig 
das Gefühl für Stuhl- und Harnentleerung, auch Krankheitsgefühle. 
2. Intelligenz. — Die Aufmerksamkeit des Idioten wird nur 
durch den Anblick des Essens erregt, starker Lichtreiz und Geräusch 
fesseln sie nicht. Der Idiot mittlern Grades meidet grofse Anstrengung, 
verlangt angenehme Anregung, liebt besonders Bilder. Bei geringer 
Idiotie äufsert sich die Aufmerksamkeit willkürlich, obgleich auch nur 
intermittierend, unter dem Einflufs lebhafter Befriedigung, bei anderen 
leichter, ist aber nicht von Dauer, bei wieder anderen ist sie zähe und 
wird zur Gewohnheit. Demgemäfs ist die Erziehungs- und Arbeitsfähig¬ 
keit verschieden. Hochgradige Idioten können nicht arbeiten, die mitt¬ 
leren Grades verrichten automatisch, bisweilen vorzüglich ein bestimmtes 
und zwar stets dasselbe Werk; die besten begreifen wohl, worauf es 
ankommt, bestehen aber eigensinnig auf ihren Kopf, verderben alles 
oder sind geradezu arbeitsscheu, wie die übrigen Antisozialen, Prosti¬ 
tuierten, Landstreicher und Kückfälligen. 
Die Sprache des Idioten ist wie sein Gang langsam. — Das nor¬ 
male Kind denkt, bevor es spricht, macht Sprechversuche, — der Idiot 
nicht; er wiederholt häufig das letzte Wort (Ecoi.alieX Oft stöfst er 
rauhe Töne aus, die weder Schmerz, noch Furcht, noch Zorn bedeuten. 
Die Sprachmängel beruhen (Wildermuth) — wenn nicht absolute Stumm¬ 
heit herrscht — auf Gedächtnislücken, Fehlen und Verwechselung von 
Wörtern u. a. m., oder auf mechanischer Störung wie Botazismus, Sigma¬ 
tismus, Auslassen von Konsonanten. Der Idiot liest, wenn er das 
Lesen mit grofser Mühe erlernt hat, monoton, stofsweise und ohne Ver¬ 
ständnis, doch häufig mit Vergnügen. Beim Schreiben nimmt er regel- 
mäfsig zuerst die Feder in die linke Hand (Séguin), läfst Buchstaben 
aus, Schreibstottern (Berkhan); die Schrift ist kindlich. Der Idiot 
ist ein Zeichner, kopiert gewissenhaft, oder — und zwar die besseren — 
phantastisch und abgeschmackt. 
Da seine Sinne und Sprache defekt sind, so erwirbt der Idiot all-
        

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