Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
C. Lombroso: Les applications de l'anthropologie criminelle. Paris, F. Alcan 1892
Person:
Pelman, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15142/1/
Litteraturbericht. 
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N ORD au geht nun, seinem Versprechen gemäfs, auf die Träger dieser 
Richtungen näher ein, und er prüft seine Theorie zunächst an den 
sogënannten Präraphaeliten in England und den Symbolisten in Frankreich. 
Es sind merkwürdige Menschenkinder, die uns Nordau hier mit ge¬ 
wandter Hand vorzeichnet, und mehr als einmal wird man an des 
grofsen Friedrich Ausruf nach der Schlacht hei Zörndorf erinnert: 
„Sieh er, mit solchem Gesindel mufs ich mich herumschlagen.“ 
Die Bezeichnung „lächerliche Krüppel“, womit Nordau sie beehrt, 
ist eine wohl verdiente. ' 
Auch Tolstoi kommt schlecht weg, da er in Nebel, Unverstand 
und hohlem Wortschwall aufgeht. 
Keinem aber ergeht es schlechter, als dem „Meister“, als Richard 
Wagner. „Der eine R. Wagner ist allein mit einer gröfseren Menge von 
Degeneration vollgeladen, als alle anderen Entarteten zusammen, die 
wir bisher kennen gelernt haben.“ 
Die Ausführungen Nord aus wird man mit gemischten Empfindungen 
hinnehmen, je nachdem man für den Meister schwärmt oder ihm mit 
kühleren Empfindungen gegenübersteht. Von den ersteren meint Nordau, 
dafs die meisten Wagner-Fanatiker seinen Thorheiten folgten, von seiner 
Musik verständen sie nichts. Das ist äufserst grob, aber, wie ich be¬ 
fürchte, auch äufserst richtig. 
Den Parodieformen der Mystik, den Occultisten, einem Sar Peladan, 
Maeterlink und anderen blödsinnigen Faselhänsen gleicher Sorte, wird 
bei urrs kaum ein Verteidiger erstehen. 
Die Beispiele, die Nordau angeblich in wortgetreuester Übersetzung 
anführt, sind doch gar zu entsetzlich, dagegen ist die vielberufene 
Friederike Kampner doch ein harmloser Säugling. 
Nordaus Buch enthält reichen Stoff zum Nachdenken, wohl auch 
zum Widerspruch. Sicherlich wird man von seiner „Naturgeschichte 
der ästhetischen Schule“ manches abzustreichen haben, wie dies ja auch 
bei Lombrosos „Verbrecher“ unvermeidlich war, die Grundlage aber 
wird man gelten lassen und dem kühnen Schriftsteller Dank sagen 
müssen, dafs er es gewagt hat, dem gefährlichsten Feinde, der Mode- 
thorheit, mit offenem Visier entgegenzutreten. Wer den ersten Band 
gelesen hat, wird dem zweiten mit Spannung entgegensehen. Pei.man, 
C. Lombroso. Les applications de l’anthropologie criminelle. Paris, 
F. Alcan. 1892. 224 S. (Biblioth. d. philosophie contemp.) 
Lombroso wendet sich hier gegen diejenigen seiner Gegner, die ihm 
vorwerfen, dafs er mit seinen Ansichten in den Wolken schwebe und 
keinen festen Boden unter den Füfsen habe. Es ist ihm um den Nach¬ 
weis der praktischen Verwertbarkeit seiner Lehre zu thun, und er trägt 
mit dem an ihm. bekannten Riesenfleifse eine Menge von Material zu¬ 
sammen, das diesen praktischen Nutzen beweisen soll. 
Zunächst wendet er den von ihm aufgestellten Typus des geborenen 
Verbrechers auf die Revolutionäre und Anarchisten an, und während die 
ersteren, die Revolutionäre, ihn nur in 0,57% zeigen, weisen ihn letztere 
in 40% auf. Hierbei ist zu beachten, dafs die Revolution eine physio-
        

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