Bauhaus-Universität Weimar

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Litteraturbericht. 
Das Bild, das Nokdau von der fin de siècle entwirft, ist im Grunde 
genommen ein trübes. Das Alte sinkt, und was neu aus den Ruinen 
entstellt, weifs zur Zeit niemand. Überall ist Unsicherheit, Ungewifs- 
heit, Zittern und Zagen. Man erhofft Aufschlufs voh den Künstlern, 
und wer am dreistesten orakelt, am tollsten wahrsagt, der hat den 
gröfsten Erfolg. Doch nur wenigen ist es damit Ernst, der grofse 
Haufe folgt, wie gewöhnlich, seinem Führer. Alles hascht nach Effekt 
in Kleidung, Haltung und Geschmack. Alles mufs scheinen, nicht'-sein, 
packen, nicht fesseln. Nie darf man ahnen, wie sich die Sache entwickelt, 
kein Accord darf ausklingen, Nervenkitzel und Nervenrausch in Poesie 
und Kunst, in Theater und Welt. 
Der Grund liegt in der Entartung der heutigen Rasse, die zu einer 
allgemeinen Ausbreitung hysterischer Nervenschwäche geführt hat. Das 
gesamte fin de siècle-Publikum ist hysterisch, für Suggestion empfänglich, 
zur Nachahmung und zum Mysticismus geneigt und in sich selbst 
verliebt. 
Der Zwangsbasessene geht voran, die anderen folgen, und die 
„Schule“ ist fertig. So bauen sich die Sekten auf, die Zwangsvorstellung 
steckt an, dann kommt der Hysteriker und mit ihm der ganze Trofs der 
Schwachköpfe und Streber. 
Unzweifelhaft findet sich in diesem Haufen hin und wieder ein 
Genie, aber, wenn man die Begabung von ihm fortnimmt, bleibt nur der 
Tollhäusler übrig, während beim wahren Genie noch der tüchtige, ver¬ 
ständige Mensch verbleiben würde. 
Die Ansprüche an das Nervensystem sind heute 5—25fach gestiegen, 
seine Ernährung ist dieselbe geblieben, und daher der Zusammenbruch 
der Nervenkraft, die Neurasthenie, die sich am ersten und stärksten 
in Frankreich geltend macht. Bei aller Entwickelungsfähigkeit konnte 
das Nervensystem mit dem rasenden Fortschritte der Daseinsbedingungen 
nicht gleichen Schritt halten, und daher Ermüdung, rasches Altern, 
Hysterie. Als Äufserung dieser Neurasthenie haben wir die neue ästhe¬ 
tische Richtung anzusehen. 
Eine besondere Erscheinung innerhalb dieser neuesten Richtung 
ist der Mystizismus, ein Hauptmerkmal der Entartung. Dem Entarteten 
mangelt die Aufmerksamkeit, der Unterschied zwischen starken und 
schwachen Vorstellungen,, wodurch es bei ihm zu den wunderbarsten 
Verbindungen, Beziehungen und Äufserungen kommt; der Mystiker 
sieht die Dinge nicht, wie sie sind, sondern, wie sie ihm scheinen, und 
sie scheinen ihm anders, in steter Beziehung zu dem eigenen Ich, un¬ 
verstanden und unverständlich, erklärlich nur durch das Hereinragen 
überirdischer Gewalten in den eigenen Lebenskreis, durch die Beziehung 
unbekannter Erscheinungen zur eigenen Person. 
Dem mystischen Denken ermangelt nie die erotische Färbung, die 
sich bis zur Exstase steigern kann, und die in dem Leben der Heiligen 
eine so hervorragende Rolle spielt. Es ist eine absonderliche Ver¬ 
quickung sinnlich-erotischer Vorstellungen mit diesen überirdischen, die 
uns hier entgegentritt, und die besser als alles andere den Entartungs¬ 
charakter dieser Richtungen beweist.
        

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