Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
L. Kirn: Geistesstörung und Verbrechen: Festschrift zur Feier des 50jährigen Jubiläums der Anstalt Illenau. Heidelberg, 1892
Person:
Pelman, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15139/2/
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Litteraturbericht. 
Laufbahn überantwortet seien, hierzu will sich Kien nicht verstehen. 
Er unterzieht die Ansichten der positiven italienischen Schule, wie sie 
sich nach dem Yorbilde Lombrosos ausgebildet hat, einer eingehenden 
Prüfung und kommt dabei zu dem entgegengesetzten Schlüsse, dem 
nämlich, dafs von einem einheitlichen Yerbrechertypus keine Rede sein 
könne. 
Wohl giebt es unter den Gewohnheitsverbrechern zahlreiche Ab¬ 
weichungen von der Norm, weit zahlreicher, als sie sich unter der nicht 
verbrecherischen Bevölkerung befinden, aber sie sind nur zum Teil an¬ 
geboren, zum Teil später erworben, und ebenso entsprechen sie durchaus 
nicht einem einheitlichen, einem bestimmten Krankheitsbilde. Ein krank¬ 
hafter Verbrechertypus, wie ihn die italienische Schule gezeichnet hat, 
besteht demnach nicht, und damit werden auch alle die Schlüsse hin¬ 
fällig, die sich an diese Voraussetzung knüpfen. 
Trotzdem kann die diesem Gebiete zugewandte geistige Arbeit nicht 
als verloren bezeichnet werden. Sie hat wenigstens so viel aufgedeckt, 
dafs sich unter den Insassen der Zucht- und Arbeitshäuser zahlreiche 
geistig unentwickelte und herabgekommene Individuen befinden, deren 
Geisteszustand in die Reihe der geistigen Schwächezustände eingereiht 
werden mufs, Zustände, die sowohl vor Gericht als im Zuchthause be¬ 
sondere Berücksichtigung verlangen. 
Kiens Ansichten werden diesseits der Alpen auf mehr Zustimmung 
zu rechnen haben, als ihnen jenseits derselben zu teil werden dürfte- 
Allein in einer so eminent praktischen Frage ist es mit dem Enthusiasmus 
allein nicht gethan, und dafs die Ergebnisse der Verbrecher-Anthropologie 
zur Zeit nicht ausreichen, um die weitestgehenden Schlufsfolgerungen für 
Strafrechtspflege und Strafvollzug zu rechtfertigen, darüber dürfte ein 
Zweifel bei uns wenigstens nicht bestehen. „Die wissenschaftliche Anthro¬ 
pologie wird noch eine gute Weile weiter forschen und arbeiten 
müssen, um allmählich noch mehr Licht in dieses noch im Halbdunkel 
liegende Gebiet zu bringen.“ C. Pelman. 
C. C. Hartmann. Der jugendliche Verbrecher im Strafhause. Deutsche 
Zeit- und Streitfragen, Heft 99. Hamburg. Verlagsanstalt u. Druckerei 
A.-G. 1892. 55 S. 
Dafs der von dem Verfasser behandelte Gegenstand zu den Zeit¬ 
fragen gehört, wird ihm niemand bestreiten und ebenso kann man ihm 
zugestehen, dafs er ihn in einer ruhigen und nüchternen Weise behandelt 
hat, die ein richtiges Bild von den Schäden der bestehenden Regelung 
entwirft und die Mittel zu ihrer Besserung kennen lehrt. Vielleicht 
etwas zu nüchtern und einseitig, da Hartmann der Erörterung anthro¬ 
pologischer Streitfragen, wie sie, durch die Schule Lombrosos angeregt, 
zur Zeit im Brennpunkte der Verhandlungen stehen, anscheinend ge¬ 
flissentlich aus dem Wege geht, so dafs wir von dem Seelenleben des 
jugendlichen Verbrechers nicht viel erfahren. 
Es war dem Verfasser vor allem um den Nachweis zu thun, dafs 
das vorhandene Strafsystem durch zu lange Freiheitstrafen sündige, 
und dafs der jugendliche Gefangene durch die allzulange Dauer der
        

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