Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Magnan: Psychiatrische Vorlesungen, Heft 2 u. 3: Über die Geistesstörungen der Entarteten. Leipzig, Thieme 1892
Person:
Umpfenbach
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15138/1/
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Litteraturbericht. 
krankhaft behinderten Gehirnorganisation nicht folgen könne, gipfelt 
die Beweisführung Ufers, dafs hier nicht von einer Zucht im Sinne 
Herbarts, sondern nur von einer Dressur die Rede sein könne. 
Die Befähigung zu derartigen Untersuchungen hat Ufer schon durch 
frühere Veröffentlichungen nachgewiesen, die sich durch die gleiche 
Klarheit der Darstellung und dasselbe feine Verständnis für die psychischen 
Zustände des Kindesalters auszeichnen. Pelm an. 
Magnan. Psychiatrische Vorlesungen, Heft 2 u. 3. Über die Geistes¬ 
störungen der Entarteten. Deutsch von Möbius. Leipzig, Thieme. 
1892. 123 S. 
Möbius hat hier'nach Auswahl Magnans \ orträge desselben zusammen¬ 
gestellt und übersetzt, welche sich alle mit den Entarteten beschäftigen. 
Magnan hält das Irresein der Entarteten für eine vollkommen ab¬ 
geschlossene Krankheitsgruppe. Entartete sind . die, welche vermöge 
krankhafter Zustände ihrer Erzeuger mit krankhaftem Geisteszustände 
auf die Welt kommen. Ein gleicher Zustand kann übrigens möglicher¬ 
weise auch bewirkt werden durch Krankheiten in utero oder während 
der ersten Kindheit. Daher passen auch nicht die Ausdrücke: ererbtes 
Irrsein und Hereditarier! Die Entartung giebt sich in dem gesamten 
psychischen Verhalten der Entarteten zu erkennen, und zwar durch das 
ganze Leben. Der Etat mental ist ein krankhafter, abnormer. M. fafst 
den Geisteszustand aller Entarteten mit , einigermafsen entwickeltem 
Geistesleben auf als Disharmonie, als Zerstörung des Gleichgewichtes 
zwischen den einzelnen geistigen Fähigkeiten, als déséquilibration. 
Möbius will dafür aus der Physik den Ausdruck Instabilität entlehnen. 
Die Form der Instabilität ist natürlich bei den verschiedenen Graden 
der Entartung sehr verschieden. Magnan sagt: „Die wichtigste Er¬ 
scheinung bei dem hereditären Irresein ist die Disharmonie, der Mangel 
an Gleichgewicht nicht nur zwischen den intellektuellen und den 
moralischen Fähigheiten, sondern auch zwischen den einzelnen 
intellektuellen Fähigkeiten selbst. Ein Hereditarier kann ein Gelehrter, 
ein ausgezeichneter Beamter ...... sein und dabei in moralischer Hinsicht 
klaffende Lücken zeigen, wunderliche Neigungen, überraschende Unregel- 
mäfsigkeiten der Lebensführung. In anderen Fällen tritt das Umgekehrte 
ein.“ Um die Hereditarier richtig zu verstehen, mufs man die Stufen 
verfolgen, welche von der vollkommenen Leerheit der Idioten zu den 
leichten Abweichungen der Instablen führen. Die tiefststehenden Idioten 
sind jeder Wahrnehmung unfähig, sie führen ein rein vegetatives Leben, 
das eigentlich nur reflektorischer Art ist. Sie leben eigentlich nur mit 
dem Rückenmark. Je stärker der Intellekt, desto höher hinauf die 
organische Entwickelung im Gehirn bis zum Stirnhirn. Das Stirnhirn 
ist beim Idioten nicht entwickelt. Dasselbe formt aus den Bildern der 
Schläfen und Hinterhauptslappen seine Schemata und Begriffe, auf denen 
das geistige Leben beruht. Ist die Thätigkeit des Stirnhirns mangelhaft, 
so herrschen die instinktartigen Triebe vor. In dem Grad, als sich das 
Stirnhirn dem normalen Zustand nähert, erhebt sich der Idiot zu höheren 
Stufen und wird allmählich zum Schwachsinnigen. Sind einzelne Hirn-
        

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