Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
W. Wundt: Hypnotismus und Suggestion. Leipzig, Verlag v. Wilh. Engelmann, 1892, Philos. Studien, Bd. VIII, Hft. 1, S. 1–85
Person:
Martius, Götz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15133/1/
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Litteraturbericht. 
W. Wundt. Hypnotismus und Suggestion. Leipzig. Verlag von Willi. 
Engelmann. 1892. 110 S. Thilos. Studien. Bd. VIII, Hft. 1, S. 1—85. 
Der erste Abschnitt (S. 15—23) dieser inhaltsreichen neuesten Schrift 
W. Wundts bespricht „die Erscheinungen der Hypnose“. Die Unter¬ 
scheidung der bekannten drei Stadien des hypnotischen Zustandes hat 
nach W. nur praktischen Wert. Die leichteren Grade der Hypnose 
ähneln der Schlaftrunkenheit; dazu tritt die eigentümliche Abhängigkeit 
des Hypnotisierten vom Hypnotiseur. Den höheren Graden (somnam¬ 
bulisme provoqué) sind die Zustände der Befehlsautomatie, der sugge¬ 
rierten Halluzinationen, der Anästhesie und der negativen Gesichts¬ 
halluzinationen eigentümlich; dazu kommen die posthypnotischen 
Wirkungen, die als partielle Fortdauer und partielle Erneuerung der 
Hypnose gekennzeichnet werden. Ursache der Hypnose ist die Suggestion. 
Abschnitt II (S. 24—81) „zur Physiologie und Psychologie der Hyp¬ 
nose und Suggestion“ giebt nach kurzer Schilderung und Kritik der 
bisher über den Hypnotismus aufgestellten Theorien, die als vielfach 
von occultistischen Vorstellungen und Neigungen beeinflufst nachgewiesen 
werden, eine erschöpfende Analyse der hypnotischen Erscheinungen nach 
ihrer physiologischen und psychologischen Seite. Die Hypnose 
bietet, das-ist das Ergebnis dieser schönen Untersuchung, nirgends 
Symptome, die nicht in wohl be kannten psychologischen 
oder physiologischen Thatsachen ihre Erklärung finden. 
Auszugehen war - dabei von der psychischen Seite der hypnotischen 
Gesamterscheinungen, als der der äufseren und inneren Beobachtung 
zunächst zugänglichen. Dann läfst sich die Suggestion zunächst als eine 
„Assoziation bezeichnen mit gleichzeitiger Verengerung des Bewufstséins 
auf die durch die Assoziation angeregten Vorstellungen“ (S. 48). Der 
Grund der eigentümlichen Hemmungserscheinungen des hypnotischen 
Zustandes oder der „Einengung des Bewufstseins“ liegt nach Analogie 
des Schlafes in einer verminderten allgemeinen Empfindlichkeit, mit 
welcher für die überhaupt wirksamen Heize nach dem Prinzip der 
funktionellen Ausgleichung eine gesteigerte Reizbarkeit verbunden ist 
(S. 50—52). Dieses Prinzip wird so formuliert: „Wenn sich ein gröfserer 
Teil des Centralorgans infolge hemmender Einwirkungen in einem Zu¬ 
stande funktioneller Latenz befindet, so ist die Erregbarkeit des funk¬ 
tionierenden Restes für die ihm zufliefsenden Reize gesteigert. Voraus¬ 
sichtlich wird diese Steigerung um so gröfser sein, je weniger durch 
vorausgegangene Erschöpfung die im allgemeinen im Centralorgan vor¬ 
handenen latenten Kräfte verbraucht wurden“ (S. 56). Das Prinzip läfst 
sich aus der neurodynamischen Wechselwirkung der Ganglienzellen, 
vermöge welcher bei Aufzeichnung gröfserer Energiemassen „der an 
einem Punkte eintretende Kraftverbrauch eine gesteigerte Zufuhr von 
allen benachbarten Punkten erhöhter Spannung zur Folge hat“ (S. 58), 
sowie aus einer parallelen vasomotorischen Wechselwirkung, nach welcher 
die Steigerung der Funktion eines Teiles des Gehirns einen verstärkten 
Blutzuflufs aus den in Funktionsruhe befindlichen bewirkt, leicht ab¬ 
leiten. Der Unterschied der Hypnose und des Schlafes liegt in den 
verschiedenen Entstehungsbedingungen; dieser ist durch einen allge-
        

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