Bauhaus-Universität Weimar

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Franz Brentano. 
Aber ich habe in dem früheren Aufsatze 1 diese Ableitung 
wirklich gegeben, und der Zusammenhang scheint mir so klar 
und einfach, dafs ich kaum glauben kann, dafs der Widerspruch 
von Lipps hier bei jemandem ernste Zweifel zu erwecken 
vermöge. Ich kann Lipps schlechterdings nicht zugeben, dafs, 
wenn in der folgenden Figur (Fig. 6, mit welcher ich Fig. 17 
meines ersten Aufsatzes zu vergleichen bitte) der Punkt a und die 
beiden Endpunkte der Linie bc ein stumpfwinkeliges Dreieck 
bilden, und der stumpfe <£ b unterschätzt, der spitze <£ c aber 
überschätzt wird, dies auf die Schätzung der Distanzen von 
a und b, und von a und c ohne Einflufs bleiben werde. Lipps 
will der Folgerung durch die an und für sich richtige Bemerkung 
entgehen, dafs die Linie bc bei b und bei c etwas gekrümmt 
scheine, in der Art wie es unsere Figur (nur wesentlich verstärkt) 
in den punktierten Linien andeutet. Wie er aber glauben 
kann, dadurch mich widerlegt zu haben, ist mir unerfindlich. 
Vielmehr ist es offenbar, dafs ohne diese von mir behauptete 
Distanzverschiebung die von b und die von c ausgehende 
krumme Linie nicht, wie es doch augenscheinlich der Fall ist, 
ein und dieselbe Linie sein könnten.2 
/c 11. Scheinbarer ist wohl ein anderes Argument, 
worin Lipps zu erweisen sucht, dafs gewisse Fälle, 
die offenbar derselben Klasse optischer Täuschung an- 
^ gehören, wie die von mir erklärten, sich nicht meinem 
Prinzip unterordnen liefsen. 
Zu dem Behuf ändert er3 Fig. 2 meines früheren 
Aufsatzes in der Art ab, dafs er eine gerade Linie 
erhält, mit welcher an jedem der beiden Endpunkte 
zwei andere gerade Linien unter Winkeln von je 120° 
Zusammentreffen, wodurch also bei jedem Endpunkte 
drei einander gleiche Winkel entstehen. Hier, meint er, könne 
von einer Unterschätzung der stumpfen Winkel nicht mehr 
die Rede sein, und nichtsdestoweniger bestehe immer noch 
a 
Fi;/. 6. 
1 A. a. O, 8. 356 f. 
2 Man vergleiche hierzu die zweite Figur dieser Abhandlung, wo 
sich sogar unter erheblich erschwerenden Bedingungen mit der falschen 
Beurteilung der Winkel eine falsche Beurteilung der Distanzen verknüpft, 
ohne welche ja die scheinbare polygonale Brechung der geraden Linie 
undenkbar wäre. 
8 A. a. 0. No. 5, S. 502.
        

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