Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
H. Senator: Über Mitbewegungen und Ersatzbewegungen bei Gelähmten. Berliner klin. Wochenschrift, 1892, S. 1 ff.
Person:
Müller, G. E.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15083/2/
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Litteraturbericht. 
Sinne der von Hitzig vertretenen Auffassung daraus erklären, dafs in¬ 
folge der im Hirnstamme und Bückenmark vorgebildeten, zur Bildung 
kombinierter Bewegungen dienlichen, anatomischen Einrichtungen die 
motorischen Impulse in den unterhalb des Grofshirns gelegenen Nerven- 
zentren sehr leicht auf gröfsere Bezirke irradiieren, falls sie eine hohe 
Stärke besitzen oder jene Koordinationsbahnen sich im Zustande ab¬ 
norm gesteigerter Erregbarkeit befinden. Dafs eine solche gesteigerte 
Erregbarkeit der in Betracht kommenden Nervenzentren bei vielen 
Lähmungszuständen, insbesondere auch bei zerebralen Hemiplegien vor¬ 
liege, erscheine unzweifelhaft. 
In manchen Fällen aber sei die Ursache der Mitbewegungen über¬ 
haupt nicht in dem Bückenmark oder Gehirn gelegen, sondern im 
peripherischen Nervensysteme. Als Beweis für diese Behauptung führt 
Verfasser einen Fall von Hemichorea posthemiplegica et Glossoplegia 
dextra vor, welcher die Eigentümlichkeit zeigt, dafs jedesmal, wenn die 
Zunge des Patienten willkürlich herausgestreckt oder von einem anderen 
herausgezogen wird, eine energische Mitbewegung merkwürdiger Art an 
dem gelähmten Arme auftritt. Verfasser weist nach, dafs diese eigen¬ 
tümliche Erscheinung darauf zurückzuführen ist, dafs bei dem Patienten 
entzündliche Verwachsungen der in der Tiefe der rechten Halsgegend 
verlaufenden Nerven bestehen. Diese entzündlichen Verwachsungen 
werden bei dem Herausstrecken oder Herausziehen der Zunge gezerrt, 
und diese Zerrung erregt entweder direkt die bei jenen Armbewegungen 
beteiligten motorischen Nerven oder, was der Verfasser für wahrschein¬ 
licher hält, sie löst auf reflektorischem Wege jene Armbewegungen aus. 
Verfasser weist daraufhin, dafs auch noch in anderen Bezirken ein Muskel 
bei seiner Kontraktion einen Zug auf benachbarte, durch pathologische 
Prozesse mit ihm verwachsene Muskeln oder motorische Nerven aus- 
ühen und hierdurch Mitbewegungen hervorrufen könne, um so mehr, 
wenn infolge entzündlicher Vorgänge die Beizbarkeit eben dieser benach¬ 
barten Muskeln oder Nerven abnorm gesteigert sei. 
G. E. Müller (Göttingen). 
L. Lehmann. Suggestions-Gymnastik. Neurolog. Centralbl. X. No. 14. 
(15. Juli 1891). S. 431. 
Verfasser fordert halbseitig gelähmte Patienten auf, mit den ge¬ 
lähmten Gliedern gewisse einfache Bewegungen zu machen. Natürlich 
können sie das nicht; die centrale Anstrengung verrät sich nur in 
schwachen und unwillkürlichen Bewegungen der entsprechenden Muskeln 
der gesunden Körperhälfte. Währenddes bewirkt er seinerseits, langsam 
und wiederholt, die gewollte Bewegung des gelähmten Gliedes mit der 
eigenen Hand, so dafs dem Patienten gewissermafsen scheint, er selbst 
habe die Bewegung ausgeführt. Verfasser hofft auf diese Weise, unter 
günstigen Umständen die Verlegung der Leitungsbahn für die centri- 
fugale Wirkung des Gehirnvorgangs allmählich überwinden zu können, 
und hat allerdings in einigen Fällen eine deutliche Besserung der 
Motilität beobachtet. Ebbinghaus.
        

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