Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Sprachreflex, Nativismus und absichtliche Sprachbildung, Selbstanzeige. Vierteljahresschrift für wissenschaftl. Philosophie, von R. Avenarius
Person:
Marty, A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15080/7/
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Litteraturbericli t. 
Sprachursprung für völlig antiquiert, für eine solche, die in seinen 
Augen ein für allemal keinerlei Berechtigung mehr habe. Auch schon 
früher sei er dieser Ansicht gewesen, und aus diesem Grunde habe er 
in der 3. Auflage meiner gar nicht gedacht und nur mit Tiedemaxntjs re- 
divivus gelegentlich auf mich hingedeutet. In der That nennt die 
3. Auflage 1877 meinen Namen nirgends; doch hat der Verfasser für gut 
gefunden, wie aus eigenem Antrieb (aber zum guten Teil mit analogen 
Gründen, wie ich sie vorgebracht), an seinen nativistischen Aufstellungen 
scharfe Kritik zu üben. Eine Thatsache zwar sollen die Sprachreflexe 
nach wie vor sein. Aber ihre Zahl wird gewaltig eingeschränkt, 
und die Freigebigkeit, die in dieser Beziehung im Abrifs 1871 geherrscht 
hatte, wird ordentlich mit Spott als ebenso unpsychologisch als 
unhistorisch zurückgewiesen (Art. I.). Ja! einmal im Zuge, eifert St. 
nun sogar gegen die Leistungsfähigkeit der Onomatopöie überhaupt — sie, 
die er früher weit überschätzt hatte, jetzt unbillig unterschätzend. 
(Art. II., S. 69—76). Mit den Reflexen aber räumt noch energischer die 
4. Auflage auf. Nicht mehr für „jede besondere Anschauung“ einen 
besonderen, ihr ähnlichen, und wohl artikulierten Reflexlaut (Abrifs), 
auch nicht mehr achtzig bis hundert solcher,1 nein! blofs etwa 20 bis 
30 soll der Urmensch geschaffen haben. Doch (Art. VIII, S. 264—284) ein 
Erfahrungsbeweis ist für diese geringe Zahl so wenig als einst für die weit 
gröfsere geführt (ja die 4. Auflage verzichtet eigentlich auf jeden 
V ersuch eines solchen), und ebenso fehlt, jetzt so gut wie früher, 
durchaus ein stringenter Nachweis für deren Unentbehrlichkeit. Seine 
Psychologie des „Denkens durch Sprache“, d. h. die Lehre, dafs die Laut¬ 
reflexe das Mittel für jede klärende Analyse der sinnlichen Eindrücke 
und die Stellvertreter aller begrifflichen Gedanken waren, hält St. fest, 
ja er verschärft die Behauptung womöglich noch. Aber sie bleibt eben 
eine blofse Behauptung, und der Verfasser kümmert sich z. B. nicht 
im geringsten darum, wie denn in aller Welt das so arg eingeschrumpfte 
Häuflein der Reflexe es anfangen sollte, die viel gröfsere Zahl von 
Begriffen vor dem Bewufstsein zu vertreten und so dieselbe 
Aufgabe zu leisten, die er einst einer weit ansehnlicheren Menge derselben 
zugewiesen hatte. Überhaupt ist sein Zurückweichen von der früheren 
Position ein gezwungenes, halbes und wid er s pr u c h s voll es. Auch 
fehlt in beiden neueren Auflagen des Ursprungs der Sprache wie anderwärts 
bei St. jedes klare Wort darüber, welchen Kräften die Bildung der Sprach- 
mittel, soweit sie nicht reflektorisch geäufsert wurden, denn nun eigentlich 
zuzuschreiben sei. Bald soll es (3. Aufl.) die Apperzeption gewesen sein — 
die Apperzeption, die der Autor sonst ausdrücklich als eine theore¬ 
tische Seelenthätigkeit definiert ; bald (Ethik 1885) ein „geistiger Instinkt“ 
während St. früher selbst die Zuflucht hierzu als ein Spiel mit Worten 
verspottet hatte; bald (4. Auflage) der Mitteilungstrieb, bei dem 
aber beileibe nicht an Absi cht gedacht werden soll — als ob das eine 
1 Für diese, wie für die unmittelbare vorher genannte Annahme 
hatte St. nur Eine Beobachtung an einem Kinde als direkten Beweis 
aus der heutigen Erfahrung vorgebracht. Art. I beschäftigt sich u. a. 
auch damit, den Wert dieser Erzählung und ihre Deutung zu prüfen.
        

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