Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Sprachreflex, Nativismus und absichtliche Sprachbildung, Selbstanzeige. Vierteljahresschrift für wissenschaftl. Philosophie, von R. Avenarius
Person:
Marty, A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15080/3/
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Litteraturbericht. 
einer radikalen Korrektur bedürftig (Art. II., S. 77—105 und Art. III.). 
I. Der Zug, wodurch er seine Lehre der früheren ganz besonders über¬ 
legen glaubt, ist seine Identifizierung von Wille und Apper¬ 
zeption. Bisher habe man die inneren Willenshandlungen oder „Apper¬ 
zeptionen“ ganz übersehen (eine ganz unhistorische Behauptung!), und 
das sei um so verhängnisvoller gewesen, als geradezu alles Wollen, 
genau besehen, ein nach innen gerichtetes, alle Willenshandlungen 
eigentlich innere Willenshandlungen oder Apperzeptionen seien, diese 
aber im psychischen Leben eine so grofse Bolle spielten, dais überhaupt 
alle psychischen Vorgänge, die nicht sinnliche Vorstellungen sind, sich 
auf jene Kategorie zurückführen liefsen. 
Der Terminus Apperzeption war bekanntlich von seinen Urhebern 
teils für das innere Bewufstsein, teils — und in unklarer Vermen¬ 
gung damit — für das Bemerken gebraucht worden. An letzteren 
Sprachgebrauch will W. anknüpfen, und es bedarf natürlich einer ganzen 
Beihe von Verwechselungen und Aquivokationen, um von hier aus die 
Apperzeption für identisch mit dem Willen zu erklären. 
A) Mit dem Bemerken und Deuten (von W. klarbewufste Auf¬ 
fassung genannt1) vermengt er vor allem die Aufmerksamkeit (eine 
das Bemerken vorbereitende und bewirkende Seelenverfassung) und 
(Art. IV.) mit beidem des weiteren noch alle Vorgänge, die gemeinhin 
unter dem vagen Namen „Denken“ zusammengefafst werden: alle 
Synthesen (oder „Verschmelzungen“) und Analysen von Vorstellungen, 
alle begrifflichen Gedanken , Urteile, Schlüsse u. s. w. u. s. w. Alles 
heifst ihm „Apperzeption“, und weil einige von diesen sogenannten 
Denkakten vom Willen beherrschte Vorgänge sind (wie das Nach¬ 
denken und Sichbesinnen) und bei anderen (wie beim Aufmerken) 
der Wille ein Ingrediens, wenn auch keineswegs das Ganze, des Phä¬ 
nomens bildet, erklärt er ohne weiteres alles „Denken“ oder „Apper- 
zipieren“ für eine innere Willenshandlung.2 Er fafst ferner diesen Zug, 
der nur eine genetische Zusammengehörigkeit bedeuten würde, als eine 
innere deskriptive Verwandtschaft, und kommt, indem er endlich auch 
Willenshandlung mit Wille verwechselt (eine Konfusion, die sich 
durch alle seine Ausführungen, Verwirrung stiftend, hindurchzieht), 
dazu das „Apperzipieren“ abwechselnd nicht blofs für eine Willens¬ 
handlung, sondern auch für ein Wollen auszugeben. 
B) Aber nicht blofs soll jede Apperzeption ein Willensakt oder eine 
Willenshandlung sein; W. sucht auch zu zeigen, dafs umgekehrt alle 
Willenshandlungen, auch die sogenannten äufseren, nur be- 
1 Er ist geneigt, das Phänomen mit subjektiv erhöhter Stärke der 
betreffenden Vorstellung zu identifizieren. Seine wahre Natur ist freilich 
eine ganz andere (Art. IV.). 
2 Alles „Denken“ soll also eine subjektive Verstärkung sinnlicher 
Vorstellungen sein! Die Durchführung dieser Auffassung mifslingt W. 
freilich so gründlich, dafs sie ihn in endlose Widersprüche und Un¬ 
gereimtheiten verwickelt. Als reich daran erweist sich insbesondere 
seine Lehre von der Spannung der Aufmerksamkeit und deren Adap¬ 
tation und diejenige von der Natur der allgemeinen Begriffe.
        

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