Bauhaus-Universität Weimar

Über die Schätzung kleiner Zeitgrößen. 11 
sich immer der folgenden Silbe gerade im Moment ihres Auf¬ 
tauchens zuwenden kann, haftet jetzt infolge der geistigen 
Erschlaffung die Aufmerksamkeit länger als gewöhnlich an jeder 
Silbe, so dafs die folgenden Silben immer schon im Gesichts¬ 
felde auftauchen, während die Aufmerksamkeit der Versuchs¬ 
person noch den vorangegangenen zugewandt ist. Haftet dann 
die Aufmerksamkeit an der zweiten Silbe ebenso lange wie an 
der ersten, so wird die dritte Silbe in dem Momente, in welchem 
sich ihr die Aufmerksamkeit zuwendet, noch weiter im Ge¬ 
sichtsfelde vorgedrungen sein als die zweite Silbe in dem ent¬ 
sprechenden Momente u. s. w. Dieser Sachverhalt veranlafst 
dann die Versuchsperson zu einer stärkeren Konzentration der 
Aufmerksamkeit, da sonst bald eine Silbe überhaupt nicht 
mehr vollständig erkannt werden würde. Die sonst nur bei 
einer übernormalen Geschwindigkeit vorkommende Thatsache, 
dafs jede Silbe schon, bevor sie erwartet wird, im Gesichts¬ 
felde auftaucht, bewirkt also in diesen Fällen die Täuschung 
des Urtheils. Ist andererseits die Versuchsperson geistig be¬ 
sonders frisch, so geht die Aufmerksamkeit unwillkürlich rascher 
als gewöhnlich von jeder Silbe zur nächstfolgenden über, so 
dafs jede Silbe schon vor ihrem Erscheinen im Gesichtsfelde 
erwartet wird. Die so vor dem Eintritt jeder Silbe hervor¬ 
gerufene Spannung der Erwartung bewirkt dann, dafs die Ge¬ 
schwindigkeit unternormal erscheint. 
Die Täuschung, dafs bei geistiger Abspannung der Ver¬ 
suchsperson die Geschwindigkeit übernormal erschien, trat 
häufig auch bei den späteren Wiederholungen auf, wenn ver¬ 
sucht wurde, die Reihen frei herzusagen. Da nämlich jede 
Silbe, wenn sie als richtig hergesagt gelten sollte, von der 
Versuchsperson schon aixsgesprochen sein mufste, bevor sie im 
Gesichtsfelde erschien, so mufste bei gröfserer Geschwindigkeit 
durch die gröfsere Konzentration der Aufmerksamkeit auch 
eine schnellere Reproduktion der Silben bewirkt werden. Um 
Zeit zu gewinnen, suchten nun die Versuchspersonen, da 
zwischen der letzten und ersten Silbe jeder Reihe eine etwas 
gröfsere Zwischenzeit war, mit dem Auswendighersagen gleich 
nach dem Aussprechen der letzten und vor dem Erscheinen 
der ersten Silbe zu beginnen. War aber infolge von Ab¬ 
spannung die Assoziationszeit verlängert, so wurde dadurch 
dieser Vorsprung bald wieder ausgeglichen, und die letzten
        

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