Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Otto Snell: Hexenprozesse und Geistesstörung, Psychiatrische Untersuchungen. München, Lehmann 1891
Person:
Pelman, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15031/2/
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Litteraturbericht. 
Neben diesem mehr psychiatrischen Teile geht Snell auch auf die 
historische Entwickelung näher ein, und er sucht die Frage, wie es 
möglich gewesen, dafs sich der Hexenglaube, der doch zu allen Zeiten 
bestanden, zu einer bestimmten Zeit zu den Prozessen steigern konnte, 
deren Opfer in Europa nach Millionen zählten, durch das zielbewufste 
Vorgehen der Kirche zu erklären, jede ihr entgegentretende Macht und 
Richtung zu unterdrücken. 
Bis zum Christentum hatte man mehr den durch Zauberei ange¬ 
richteten Schaden, als diese selber bestraft, und auch die Kirche verharrte 
zunächst, trotz einzelner gegen die Zauberei erlassener Gesetze, im 
ganzen bei der gleichen Ansicht. 
Erst mit dem Siege der Kirche über die weltliche Macht (im 
13. Jahrhundert) änderte sich die Sache, man drehte nun den Spiefs 
um und ging zunächst gegen die Ketzer vor, denen man allerlei Ver¬ 
brechen vorwarf, insbesondere Zauberei und Teufelsanbetung. 
Ketzerei aber war jede Opposition gegen den Klerus. 
Mit gewaltiger Tragik tritt diese Auslegung der Begriffe in dem 
Untergänge der Stedinger zu Tage. Die Stedinger hatten sich gegen die 
in nichts berechtigten Ansprüche des Erzbischofs von Bremen aufgelehnt 
und dieser den Beistand des Papstes angerufen. Gregor IX. erliefs 
darauf 1232 jene berüchtigte Bulle, worin er die Stedinger als Ketzer 
und dem Teufelskultus ergeben darstellt und die Christenheit zu ihrer 
Vernichtung auffordert, ein Geistesprodukt von einem so entsetzlichen 
Aberglauben, dafs es geradezu unfafsbar ist, wie Gregor an solchen 
Unsinn glauben konnte. Jedenfalls aber war der Unsinn von nun an 
kanonische Satzung, und jeder Christ zu dem Glauben verpflichtet, dafs 
alle Ketzerei, d. h. jeder Widerstand gegen kirchlichen Orthodoxismus 
und geistlichen Übermut aus einem mit dem Satan geschlossenen Pakt 
entstehe, und für die grundsätzliche Vermengung des Religiösen und 
Politischen wurde dadurch Sorge getragen, dafs noch in demselben 
Jahre die Reichsacht über alle Ketzer in Deutschland ausgesprochen 
wurde. 
Gleichzeitig übergab Gregor die Inquisition den Dominikanern und 
that damit auch den entscheidenden Schritt gegen die Zauberer, die 
man bisher im ganzen unbehelligt gelassen und mehr als Opfer des 
Bösen angesehen hatte. 
Von nun an war der Aberglaube für das Rechtsinstitut der Inqui¬ 
sition die unentbehrlichste Bedingung seines Bestehens. An die Stelle 
der Anklage trat die Denunziation, an die Stelle des Beweises die Folter, 
als Strafe Tod und Einziehung der Güter. 
Im Jahre 1274 loderten in Toulouse die ersten Scheiterhaufen auf, 
und die Dominikaner begannen ihre grausige Thätigkeit mit dem Ver¬ 
brennen einer Anzahl Weiber, weil sie den Hexensabbath besucht hatten. 
Aufser in den Sekten erwuchs der päpstlichen Macht ein anderer, 
nicht minder gefährlicher Gegner in dem Erwachen der wissenschaft¬ 
lichen Forschung, wie sie sich namentlich unter dem Einflüsse der 
arabischen Hochschulen verbreitete. Grund genug zum Einschreiten 
auch nach dieser Seite. — Innocenz VII. bedrohte in seiner Bulle vom
        

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