Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Otto Snell: Hexenprozesse und Geistesstörung, Psychiatrische Untersuchungen. München, Lehmann 1891
Person:
Pelman, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit15031/1/
Litter aturberich t. 
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die Wahrnehmung innerer Suggestion geringfügigster Art, wie sie be¬ 
sonders bei Hysterischen, Epileptischen u. s. w. sich zeigen, stellen sie 
auf eine Linie mit dem psychischen Automatismus (Hypnose). 
In einem zweiten Abschnitt seiner gehaltvollen Arbeit behandelt 
Verf. die eigentlichen Geisteskrankheiten — die degenerative Paranoia, 
periodische und cirkuläre Manie, ferner Hysterie, Epilepsie, Hypochondrie 
von obigem Gesichtspunkte aus. Bei ihnen tritt die unbewufste Geistes- 
thätigkeit als zweite Persönlichkeit neben der ersten in den Vordergrund 
oder verdrängt diese ganz und gar. Bei den Psyc ho neur o s en (Melan¬ 
cholie, reinen Manie) gruppieren sich die psychischen Elemente nicht zu 
einer neuen Persönlichkeit, sondern es ist die normale unbewufste 
Thätigkeit, die, infolge der Krankheitserreger (Erschöpfung — Intoxi¬ 
kation) gesteigert und verkehrt, entweder als Depression oder als 
Exaltation sich äufsert, d. h. der Schmerz, der jedes leibliche und 
seelische Unbehagen, und das Wohlgefühl, das jede lebhaftere Bewegung 
begleitet, ist ein dem gesunden Zustande analoger Vorgang, der sich blofs 
in Übertreibungen Luft macht. 
Die als Beläge beigegebenen Krankheitsgeschichten interessiren mehr 
den Psychiater. Von gröfserem psychologischen Interesse würde die 
Vorführung und Analyse einfachster Fälle, von vorübergehender Geistes¬ 
abwesenheit, Willensstörung und konträrer Empfindung sein, die bei 
im übrigen Gesunden unter allerlei Umständen Vorkommen, aber freilich 
nur selten ans Licht gezogen werden. Fraenkel (Dessau-). 
Otto Snell. Hexenprozesse und Geistesstörung. Psychiatrische Unter¬ 
suchungen. München, Lehmann 1891. 130 S. M. 4. —. 
Von jeher haben die Hexenprozesse die Aufmerksamkeit der Ge¬ 
lehrten auf sich gezogen, und dieses Interesse hat im Laufe der Jahre 
kaum abgenommen, im Gegenteil, ihre Geschichte verzeichnet gerade 
aus der jüngsten Zeit mehrere dankenswerte Beiträge. Eine solche 
Bereicherung unserer Litteratur bildet die vorliegende Schrift. 
Dafs eine so gewaltige und furchtbare Erscheinung, wie sie das 
plötzliche Anschwellen der Hexenprozesse im 15. und 16. Jahrhundert 
darstellt, zu Erklärungsversuchen anregen mufste, ist natürlich, und 
ebenso natürlich war es, dafs man diese Erklärung in einer Geistes¬ 
störung und zwar in der epidemischen Ausbreitung einer bestimmten Form 
von Geistesstörung suchte. Die Hexen waren Geisteskranke, für deren 
Krankheit das Mittelalter kein Verständnis besafs, und die es alsvomTeufel 
Besessene verbrannte. Diese Erklärung war ebenso einfach, als wie sie 
anscheinend über jede Schwierigkeit hinweghalf. Auch Snell gesteht ein, 
wie er von vornherein die Erwartung gehegt habe, den Nachweis führen 
zu können, dafs ein sehr grofser Teil der Verurteilten geisteskrank 
war. Im Verlaufe seiner Untersuchung sei er jedoch zu der Einsicht 
gelangt, dafs seine Voraussetzung eine irrige gewesen. Vielmehr seien 
verhältnismäfsig nur wenige Geisteskranke den Hexenprozessen zum 
Opfer gefallen, dagegen hätten sie und besonders die Hysterischen 
dadurch Veranlassung zu Hexenverfolgungen gegeben, dafs man sie für 
besessen hielt und den Zauberer zu strafen suchte, der ihre Besessenheit 
verursacht haben sollte.
        

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