Bauhaus-Universität Weimar

Zwangsvorstellungen ohne Wahnideen. 
99 
Sehr mannigfaltig sind die Formen, welche eine Zwangs¬ 
idee annehmen kann, von den einfachsten und nicht unange¬ 
nehmen bis zu solchen, welche im höchsten Grade quälend sind. 
Zu den ersten gehört z. B. jener harmlose Zug, gewisse 
Dinge, an welchen man häufiger vorbeigeht, jedesmal zu be¬ 
tasten. Den Gegensatz dazu beobachten wir in der Furcht, 
bestimmte Objekte anzurühren. 
Die eigentümliche Zwangsidee, welche Dr. Johnson in 
manchen seiner Handlungen beeinflufste, ist oft angeführt 
worden, doch entsinne ich mich nicht, in irgend einem medi¬ 
zinischen Werke eine exakte Beschreibung der betreffenden 
Thatsachen gelesen zu haben, die eben für unseren Gegenstand 
von grofsem Interesse sind. 
Zunächst mufs erwähnt werden, dafs Johnsons Vater, 
Michael Johnson, nicht gesunden Geistes gewesen ist, wenn es 
auch nicht nötig war, ihn in seiner Freiheit zu beschränken. 
Sein Sohn beschreibt ihn als „querköpfig, rechthaberisch und 
behaftet mit Melancholie.“ 
Als seine Werkstätte, ein alleinstehendes Gebäude, halb 
eingestürzt war, da es ihm an Geld gebrach, sie rechtzeitig 
ausbessern zu lassen, befliefs er sich deshalb nicht weniger, 
allabendlich die Thüre zu verschliefsen, obwohl es ihm klar 
sein mufste, dafs Jedermann von der anderen Seite hineinge¬ 
langen konnte. „Dies“, sagte sein Sohn, „war Tollheit, wie 
man sieht, und diese würde auch in anderen Äufserungen einer 
übermäfsigen Einbildungskraft zu Tage getreten sein, wenn 
nicht die Armut sie gehindert hätte, solche Streiche zu spielen, 
welche der Reichtum und das Wohlleben begünstigen.“ 1 
In seiner Jugend litt Johnson an Chorea. Seine Geistes¬ 
abwesenheit, sein Hang zur Träumerei zog die Aufmerksamkeit 
auf sich. Im späteren Leben waren seine drolligen Gebärden 
oft höchst merkwürdig. Während eines Besuches bei Richardson, 
dem Verfasser von Clarissa, bemerkte Hogarth einen Menschen, 
„der am Fenster stand, mit dem Kopfe wackelte und sich in 
seltsam komischer Weise hin und her bewegte. Er glaubte, 
einen Idioten vor sich zu sehen, den seine Angehörigen unter 
Richardsons Obhut gegeben hätten. Zu seiner grofsen Über¬ 
raschung jedoch schritt die Gestalt auf seinen und Richardsons 
1 Boswell: Life of Johnson, Edition 1831, vol. I, S. 4. 
7*
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.