Bauhaus-Universität Weimar

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D. Hach Take. 
weniger von jenen Ideen oder Worten gepeinigt, welche die 
gesunde Thätigkeit seines Geistes überwältigen. Aufserhalb 
der Anstalt kann er vollkommen im stände sein, seine täglichen 
Berufsgeschäfte zu verrichten; er kann durchaus verständig in 
der Unterhaltung, normal in seinem Benehmen sein. Ich bin 
überzeugt, ein offenes Bekenntnis 'vieler Leute, die niemand im 
Verdacht irgend einer geistigen Unregelmäfsigkeit hat, würde 
uns zeigen, wie grofs die Anzahl derer ist, welche an einer 
krankhaften Zudringlichkeit unwillkommener und abstofsender 
Gedanken und an dem Drange, unschöne Worte auszustofsen, 
zu leiden haben. 
„ ... Wels Herz ist wohl so rein, 
Dafs der und jener sohmutz’ge Zweifel nicht 
Einmal zu Rat sitzt und Gerichtstag hält 
Mit rechtsgemäfser Forschung?“ 
(Jago). 
Ich pflegte viele Jahre hindurch diesen schmerzlichen Zu¬ 
stand mit dem Namen „Besessenheit“ (obsession) zu bezeichnen, 
und auch französische Irrenärzte haben diesen Ausdruck ge¬ 
braucht, neben einer Anzahl von untergeordneten Bezeichnungen, 
wie „Coprolalie“ u. s. w. Man kann gegen das Wort den Ein¬ 
wand erheben, dafs es den Patienten in dem Glauben bestärkt, 
sein Leiden werde durch irgend eine dämonische Einwirkung 
verursacht. Die Deutschen besitzen die passende Bezeichnung 
„Zwangsvorstellung“, welche den Begriff einer zwangs- 
mäfsig auftretenden Idee gut wiedergiebt. 
Einer meiner Patienten, der sicher der letzte gewesen wäre, 
anstöfsige Beden zu führen, konnte sich nur mit der gröfsten 
Mühe enthalten, auf Spaziergängen ohne jede Veranlassung 
laut zu fluchen. Seine Frau beobachtete mit Erstaunen, wie er von 
Zeit zu Zeit eine hastige Bewegung machte, deren Ursache sie 
nicht kannte. Wie er mir selbst sagte, machte er diese krampf¬ 
artigen Bewegungen, um sich von seiner Zwangsidee zu be¬ 
freien und dem schlimmen Wort keinen lauten Ausdruck zu 
geben. Solche Fälle illustrieren die automatische oder Beflex- 
Thätigkeit der grauen Hirnrinde, wie sie zuerst von Laycock 
gelehrt wurde. Die hemmende Thätigkeit der Binde macht 
bis zu einem gewissen Grade ihren Einflufs auf unwillkürliche 
Aktionen geltend ; in einem geschwächten Gehirn jedoch schwebt 
diese Thätigkeit in grofser Gefahr, überwunden zu werden und 
übermäfsiger, regelloser Zellenthätigkeit das Feld zu räumen.
        

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