Bauhaus-Universität Weimar

Zwangsvorstellungen ohne Wahnideen. 
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jener Patienten gelegt. Einige Irrenärzte betrachten sie sogar 
als einen wesentlichen Teil des Begriffs der Zwangsvorstellung. 
Ich kann nicht ganz soweit gehen, aber zweifellos ist sie sehr 
häufig vorhanden. 
2. Es ist wohl klar, dafs allen diesen Fällen der Umstand 
gemeinsam ist, dafs der Patient zwangsmäfsig eine bestimmte 
triviale oder unangenehme Gedankenrichtung verfolgt, mit 
welcher sich oft gewisse Ausrufe oder Bewegungen verbinden, 
während er im übrigen mehr oder weniger gesund ist. Daher 
Esquirols Bezeichnung Monomanie raisonnante, die sich auf 
einen einigermafsen ähnlichen Zustand bezieht. Professor Balls 
Ausdruck „intellektuelle Impulse“ ist ein recht passender, 
jedoch mufs ich bemerken: 
3. Wenn man solche Fälle genau analysiert, so findet man, 
dafs sie gewöhnlich aus einer Störung auf dem Gebiete der 
Gemütsbewegungen hervorgehen. Régis ist hiervon so ganz 
überzeugt, dafs er den Ausdruck Délire émotif anwendet und 
den Grund der Geistesstörung in einer Erkrankung des 
Gangliensystems der Eingeweide erblickt. {Areh.gen.de Med. 1866.) 
4. Wiewohl ich gegen eine unnötige Vermehrung der 
Nomenklatur der Geistesstörungen protestieren würde, glaube 
ich, dafs wir uns gegen Charcots Bezeichnung „Onomatomanie“ 
nicht zu sträuben brauchen. Nur würde ich ihn nicht auf die 
Fälle beschränken, die Charcot speciell dabei im Auge hat, 
also die Fälle „von marterndem Suchen nach einem Namen oder 
Ausdruck, oder von Wortbesessenheit, die so schwer auf der Seele 
lastet, dafs sie den Menschen mit unwiderstehlichem Zwange 
treibt, das Wort wieder und wieder auszusprechen“; ich würde 
vielmehr auch Fälle wie der verneinungssüchtige Student und 
die zuletzt erwähnte Dame, darin einschliefsen. Dagegen würde 
ich die Dame, welche vor jeder ihrer Handlungen zählen 
mufste, nicht mit dazu rechnen, obgleich ihr Leiden mit jenem 
nahe verwandt ist, weil für solche Fälle die Franzosen den 
Ausdruck „Arithmomanie“ erfunden haben. 
5. Diesen Zwangsvorstellungen ist nahe verwandt die 
krankhafte Zweifelsucht, die Sucht, unausgesetzt in ermüden¬ 
der Weise nach den allernutzlosesten Dingen zu forschen. So 
stellte sich der Student, abgesehen von seiner Wortmanie, die 
Frage, warum die Menschen kein kaltes Blut in den Adern 
hätten u. s. w.
        

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