Bauhaus-Universität Weimar

Optische Streitfragen. 
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eines Quadrats über die Ecken, hinaus. Diese Seiten scheinen 
dann länger; das ganze Quadrat scheint in der betreffenden 
Richtung gestreckt. Das Erklärungsprinzip ist das in den 
„Ästhetischen Faktoren der -Raumanschauung“ entwickelte. 
Obgleich ich dasselbe bei den Lesern dieser Zeitschrift — etwa 
aus der Selbstanzeige, S. 219 ff. dieses Bandes — als bekannt vor¬ 
aussetzen darf, deute ich es doch, soweit es hier in Betracht 
kommt, an. Die Quadratseiten „verlaufen“, „strecken sich“, 
kurz, repräsentieren eine Bewegung. Diese Bewegung erscheint 
in dem reinen Quadrat an den Ecken abgeschnitten, angehalten, 
gehemmt. Sie scheint von solcher Hemmung frei und frei aus 
sich herausstrebend, wenn die Seiten sich fortsetzen. Solche 
frei, „siegreich“ aus sich herausgehende Bewegung nun wird 
überall in ihrem Erfolg, d. h., hinsichtlich der Weite des Weges, 
der durch sie durchmessen wird, überschätzt, die gehemmte 
überall unterschätzt. Wir glauben, allgemein gesagt, an den 
Erfolg einer Bewegung in dem Mafse, als wir dem Eindruck 
der Bewegung ohne den Gedanken an eine Hemmung oder 
Gegenbewegung unterliegen. In allen von Brentano angeführten 
Beispielen der Überschätzung unterliegen wir aber, und zwar 
— aus hier nicht auszuführenden Gründen — in besonderem 
Mafse dem Eindruck einer frei aus sich heraus oder in die 
Weite gehenden, von einer Mitte fortstrebenden, in allen Fällen 
der Unterschätzung dem Eindruck einer in sich zurückkehrenden, 
einer Mitte zustrebenden Bewegung; und in dem Malse, als 
jenes oder dieses der Fall ist, besteht die Über- oder Unter¬ 
schätzung. 
7. Diese Erklärung ist nicht mit der von Brentano unter 
No. 2 seines Aufsatzes zurückgewiesenen identisch. Bei seiner 
Fig. 2 etwa an „gespannte Stricke“ zu denken, geht gewifs 
nicht an. Vielmehr ist hier, wie überall, nur dies in Frage 
welche Vorstellung einer Bewegung bei Betrachtung der Linien 
uns beherrscht. Eben dieser herrschenden Bewegungsvorstellung, 
oder eben dieser in unserer Vorstellung herrschenden Bewegung 
geben wir in unserer Vorstellung oder unserer Schätzung nach 
und modifizieren danach das Gröfsenurteil, das wir abgesehen 
davon, also aus der blofsen Wahrnehmung gewinnen würden. — 
Auch die falschen Schätzungen von Winkeln -— die aber, wie wir 
gesehen haben, weit entfernt sind, dem von Brentano geglaubten 
„Gesetz“ zu gehorchen—erklären sich erst aus dieser Anschauung.
        

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