Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A. L. Kym: Über die menschliche Seele, ihre Selbstrealität und Fortdauer, Eine psychologisch-prinzipielle Untersuchung. Berlin, Kurt Brachvogel, 1890
Person:
Volkelt, J.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14879/1/
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Litteraturbericht. 
Behauptung von der ausnahmslosen Notwendigkeit in Täuschung begriffen 
ist. Wenn die Wissenschaft alle Erscheinungen unerbittlich in ihr 
Kausalitätsnetz zieht, so ist dies eine unvermeidliche, aber im Grunde 
unangemessene und falsche Betrachtungsweise des wahren Wesens der 
Dinge. Dieses kann nicht erkannt, sondern nur gefühlt, gewollt, erlebt 
werden (S. 74 ff.). Dieser Anschauungsweise gegenüber wird die Trage 
unabweisbar, warum denn noch überhaupt Wissenschaft betrieben werden 
solle, wenn sie doch ein blofses Zerrbild der Wirklichkeit liefere? Wäre 
es nicht richtiger, den Erkenntnistrieb niederzuhalten, als ihn — wie 
der Verfasser thut — durch Auf bieten aller Mittel zu steigern und ihn 
sich immer tiefer in seine doch im Grunde auf Spinnweben gerichtete 
und verkehrte Eigenart verrennen zu lassen? Zuerst konstruiert sich der 
Verfasser vom Erkennen ein künstliches, der Natur des menschlichen 
Geistes Gewalt anthuendes Bild, und sodann erklärt er das Erkennen 
für eine in Schein und Täuschung befangene Art, sich der Dinge zu be¬ 
mächtigen. So wird es denn wohl auch nur das vom Verfasser dem 
Erkennen willkürlich untergeschobene Gebilde sein, das sich durch das 
Endergebnis seiner Betrachtungen als gerichtet erweist. 
Der Beobachter der gegenwärtigen philosophischen Bestrebungen 
macht oft die Wahrnehmung, dafs das Bemühen, alle Metaphysik fern 
zu halten, oder auch die allzu zaghafte Art, sie zu betreiben, die mannig¬ 
faltigsten Gezwungenheiten, Unklarheiten, Widersprüche im Gefolge hat. 
Ein lehrreiches Beispiel hierfür bietet der Verfasser dar. Sein meta¬ 
physischer Agnostizismus ist so folgerichtig und vorurteilsfrei, wie es 
wohl nur selten der Fall sein dürfte, durchgeführt; gerade darum aber 
tritt bei ihm besonders deutlich hervor, wie die gekünstelte, dem Denken 
Gewalt anthuende Grundlegung der Psychologie, indem die gewaltsam 
verbannte Metaphysik gleichsam Rache nimmt, sich selbst für unhaltbar 
und nichtig erklärt. J. Volkelt (Würzburg). 
A. L. Kym (Zürich). Über die menschliche Seele, ihre Selbstrealität und 
Fortdauer. Eine psychologisch-prinzipielle Untersuchung. Berlin, 
Kurt Brachvogel 1890. 46 S. 
Diese Abhandlung — ein Abschnitt aus einem in Aussicht gestellten 
gröfseren Werke — gehört dem Teil der Psychologie an, den man am 
besten als Metaphysik der Psychologie bezeichnen kann. Wer, wie ich, 
es für wissenschaftlich geboten hält, dafs die Psychologie in meta¬ 
physischen Erörterungen ihren Ahschlufs finde, wird das vorliegende 
Schriftchen nicht schon darum, weil seine Art zu dem gegenwärtig vor¬ 
herrschenden Betriebe der Psychologie in schroffem Gegensätze steht, 
für unberechtigt und verfehlt ansehen. 
Kym ist einer der wenigen, die sich gegenwärtig der älteren, speku¬ 
lativen Art, Metaphysik zu treiben, eng anscbliefsen. So häufig er 
hervorheht, dafs er nur auf Grund von Thatsachen metaphysische Sätze 
erschliefsen wolle (S. 33, 35, 43), so ist doch bei ihm noch vielfach das 
Philosophieren aus dem „Begriff“ der Sache heraus zu finden. Und auch, wo 
er aus Thatsachen Schlüsse zieht, läfst er sich nicht genügend auf ihre 
Vielgestaltigkeit, Vielbezüglichkeit und Vieldeutigkeit ein. Seine meta-
        

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