Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Chr. Ufer: Geistesstörungen in der Schule, Ein Vortrag nebst dreizehn Krankenbildern. Wiesbaden, Bergmann, 1891
Person:
Pelman, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14802/1/
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Litteraturbericht. 
und der Kranke hört seine Gedanken, als wenn sie ihm von aufsen her 
zugesprochen würden. Aufserhalb des Gedankenganges entstehen Worte, 
Sätze, Monologe, und während er an ganz andere Dinge denkt, hört er sich 
von seinen Feinden interpelliert. Indem er darauf antwortet, bildet sich 
ein Zwiegespräch zwischen dem Kranken, der den (erkrankten) Stirnlappen 
darstellt, und dem Gegner, der im Schläfenlappen sitzt. Im zunehmenden 
Verlaufe der Erkrankung wird die Unabhängigkeit der Rindenzentren 
noch gröfser, sie werden automatisch thätig und der Kranke steht ihnen 
wie ein Fremder gegenüber. Es ist eine Verdoppelung der Persönlich¬ 
keit. Diese Halluzinationen fehlen bei der P. compléta nie, während 
man sie bei den Entarteten vergeblich suchen würde. Ebensowenig finden 
wir hier eine systematische Entwickelung und bestimmt voneinander 
geschiedene Perioden. 
Meist schon früh (zuweilen mit 10—12 Jahren) entwickelt sich bei 
dem Entarteten die Geistesstörung aus dem Charakter heraus, und der 
Wahn ist oft nur das Zerrbild des Charakters. Die Lebensgeschichte 
des Kranken ist seine Krankheitsgeschichte, die meisten dieser Kranken 
sind entwickelungsunfähig, und die fixen Ideen entstehen primär. Kommt 
es überhaupt zu ihrer Begründung, so ist diese später entstanden. 
Der Mangel an innerem Gleichgewicht, der allen diesen Entarteten 
gemeinsam ist, nimmt im Laufe der Jahre immer mehr zu und läfst 
endlich an der Krankheit nicht mehr zweifeln. Bis dahin aber war eine 
bestimmte Diagnose oft schwer genug, und mancher dieser Entarteten 
mufs vor Gericht seine erbliche Belastung als Schuld und Verbrechen 
schwer büfsen. Hierzu gehören die verfolgten Verfolger, die Querulanten 
die an moralischem Irrsinn Leidenden u. a. m. 
Magnans Schreibweise ist durchsichtig und klar und sie verliert 
durch die Übersetzung nicht an diesen Vorzügen, was bei einem fran¬ 
zösischen Buche viel besagen will. 
Eine Reihe (32) gut ausgewählter Krankengeschichten dient den Aus¬ 
führungen Magnans zur weiteren Stütze. 
Dem Anscheine nach sollen dem I. nach andere Hefte folgen, was 
wir in diesem Falle mit Freuden begrüfsen würden. Pelman. 
Chr. Ufer. Geistesstörungen in der Schule. Ein Vortrag nebst dreizehn 
Krankenbildern. Wiesbaden, Bergmann, 1891. 50 S. Mi. 1,20. 
Ufer hat seine Befähigung zu derartigen Untersuchungen bereits 
in einer anderen Schrift nachgewiesen, die den Titel trägt: „Nervosität 
und Mädchenerziehung in Schule und Haus“, und wir können die Ar¬ 
beiten des praktischen Pädagogen nur willkommen heifsen. 
So wichtig die Beachtung der Eigentümlichkeiten in der Entwicke¬ 
lung des kindlichen Seelenlebens unbestritten ist, so wenig Aufmerk¬ 
samkeit wird diesen Eigentümlichkeiten in Wirklichkeit geschenkt, und 
nicht am wenigsten in der Schule. Hieraus den Lehrern einen Vorwurf 
machen zu wollen, wäre ungerecht, man müfste denn ein Mafs psychia¬ 
trischer Ausbildung bei ihnen voraussetzen, das zur Zeit selbst den 
Medizinern fehlt. Um so freudiger aber müssen wir jeden Versuch be¬ 
grüfsen, diese mangelnde Kenntnis auszufüllen und die Lehrer anzuregen,
        

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